Penya Barcelonista Suiza Berna

Penya oficial 1395

*17.01.2000

Messi, Barça, Cruyff & Co.

Die Unglaublichen" (Messi und Barça) 


Quelle: www.sport-magazin.ch/

 

Kein zweiter Klub vereint Schönheit und Erfolg so perfekt in seinem Spiel wie der FC Barcelona. Sie haben Ronaldinho. Sie haben Deco. Sie haben die beste Nachwuchsförderung der Welt. Und sie haben einen neuen Messias. Eine Reportagereise zum aufregendsten Verein unserer Zeit.

 

Text: Oliver Lück  Fotos: Sebastian Vollmert

 

 

Hoch oben, auf den obersten Rängen des mächtigen Estadi del Futbol Club Barcelona, dem Camp Nou, wo die Zuschauer zu Vögeln werden, knallt der Reporter von Radio Catalunya mit der flachen Hand auf den Tisch. Tief unten auf dem Rasen, wo Fussballspieler zu Göttern werden, ist gerade ein Wunder passiert. «Uno, dos, tres, cuatro, cinco, seis», zählt er vorsichtshalber noch einmal nach. Doch sein Blick verrät: Er traut seinen eigenen Worten und Augen nicht.

 

An diesem Abend ist das grösste Stadion Europas etwa zur Hälfte gefüllt. Nur 54 000 Zuschauer wollen das Halbfinalhinspiel der Copa del Rey, des spanischen Pokals, zwischen dem FC Barcelona und dem Madrider Vorstadtklub FC Getafe sehen. 54 000, die nun um Fassung ringen. Denn sie sehen viel mehr als nur ein Fussballspiel, sie sehen, wie ein 19-jähriger Argentinier, 1,69 Meter, keine 70 Kilo schwer, eines der unglaublichsten Tore der Geschichte schiesst. Es gibt Fussballer, die muss man nur einmal spielen sehen und wird sie nie wieder vergessen. Lionel Messi ist so einer. Dann bricht es aus dem Radiomann heraus: «Dieser Junge ist nicht echt. Er ist ein Ausserirdischer!»

Messi, der Galaktische

 

Man muss nichts vom Fussball verstehen, um zu begreifen: Dieser Junge stammt nicht bloss von einem anderen Planeten. Er muss von weiter her kommen, aus einem anderen Sonnensystem. Es läuft die 29. Minute, als Messi in der eigenen Hälfte den Ball bekommt und die ersten beiden Gegenspieler aussteigen lässt. «Uno, dos!» Selbst mit Ball ist er schneller als die anderen. Seine langen Haare wehen wie ein Kometenschweif, als er unaufhaltbar in Richtung Tor stürmt.

 

Zwei Tage zuvor hält der Klub tief unten im Bauch des Camp Nou die tägliche Pressekonferenz ab. Meist zwei der Spieler setzen sich aufs Podium und beantworten die Fragen. Heute warten 60 Journalisten und ein Dutzend Kameras. Sie wissen nicht, welche Spieler kommen werden. Einige schliessen Wetten ab, wer es heute sein wird. Ronaldinho bestimmt nicht. Er hat nicht mittrainiert. Fieber, heisst es offiziell. Der Reporter der täglichen Sportzeitung «Marca» will nachgezählt haben, dass Barças Nummer zehn in dieser Saison zum 81. Mal das Training ausfallen liess. «Hat geregnet», scherzt ein anderer.

 

Es wird schlagartig ruhig. Juliano Belletti, der brasilianische Rechtsverteidiger, kommt herein, setzt sich an das Mikrofon und guckt in die Runde. Er ist dreimal zu sehen, der echte Belletti auf dem Podium und der Fernseh-Belletti, vergrössert auf zwei Monitoren. «Fragen?», raunzt der Pressesprecher. «Wie geht es Ronaldinho? Wird er spielen können?» Belletti verdreht die Augen: «Fragen Sie ihn doch selbst! Woher soll ich das wissen?»

 

Oft müssen die Spieler mehr Fragen zu Ronaldinho beantworten als zu anderen Dingen. Sie müssen sich vorkommen wie Statisten. Selbst wenn Ronaldinho nicht da ist, ist er allgegenwärtig, dominiert die Titelseiten der grossen Sportzeitungen. «Més que un club», steht in geschwungener Schrift hinter Belletti an der Wand. Das Motto des FC Barcelona mit seinen über 150 000 Mitgliedern und über 1600 Fanklubs könnte kaum treffender sein: Barça ist «mehr als ein Klub», es ist ein einziges Spektakel.

Übergrosse Spieler

 

Am nächsten Tag ist um elf Uhr Training. La Masía, der Übungsplatz am Stadion, liegt etwas erhöht, so dass man hinter dem Maschendrahtzaun die Übungen auf Höhe der Grasnarbe verfolgen muss. Fans und Journalisten werden zu Fröschen. Die Spieler wirken noch grösser, noch stärker, noch unantastbarer. Selbst ein Messi ist nun 2,40 Meter gross. Der Isländer Eidur Gudjohnsen, der Spanier Xavi und der Brasilianer Edmilson sind an diesem Tag die Ersten. Als hätten sie sich abgesprochen, verziehen sie die Gesichter, strecken die Hände nach vorne, den Blick zum Himmel. Es nieselt.

 

Nach und nach trudeln die Spieler aus den Katakomben ein. Deco, Lionel Messi, Andrés Iniesta, Gianluca Zambrotta, Lilian Thuram, Carles Puyol, Rafael Márquez, Javier Saviola. Dann Trainer Frank Rijkaard und sein Assistent Johan Neeskens. Es folgt das Ritual, das es auf jedem Fussballplatz der Welt zu Beginn eines Trainings gibt, ob in den Schweizer Amateurligen oder in der Primera División beim FC Barcelona. Ein Kreis von Spielern passt sich auf engstem Raum den Ball zu, jeder hat nur einen Kontakt. Zwei Spieler in der Mitte sind die Dummen, die den Ball kriegen müssen. Bei uns heisst das Spiel «5 gegen 2», in Barcelona nennen sie es «Rondo». Es ist der Moment, wenn Fussballprofis zu Kindern werden. Gejohle wie auf einem Schulhof, jede der Ballberührungen wird laut mitgezählt. Der Franzose Ludovic Giuly tunnelt den Portugiesen Deco. Wildes Geschrei. Samuel Eto’o, der Kameruner, kommt 15 Minuten zu spät. Ronaldinho kommt gar nicht. «Der Regen», ruft einer der Journalisten. Andere lachen.

Lächeln und schweigen

 

Nach einer knappen Stunde ist das Training vorbei. Am Rande des Übungsplatzes warten rund 300 Fans und Touristen. Sie rufen die Namen der Spieler, halten Autogrammhefte und Poster in den Händen, haben die Filzstifte bereits aufgeschraubt. Das Autogramm ist die Verbindung zwischen Star und Fan. Auch wenn diese Begegnung nur Sekunden dauert, hütet so mancher das Stück Papier für den Rest seines Lebens.

 

Der Italiener Gianluca Zambrotta malt ein Gewirr aus Bögen und Strichen. Der Holländer Giovanni van Bronckhorst schreibt einfach «Gio» und die Nummer 20, seine Rückennummer, wie es viele Spieler mittlerweile tun. «Geht schneller», sagt er und ist in der Kabine verschwunden. Zwei junge Fans strahlen und pusten die Schrift trocken. Auch Lionel Messi erfüllt geduldig jeden Autogrammwunsch, lächelt brav in jedes Fotohandy. Ein Interview mag er nicht geben. Er redet nicht gerne. Der sprechende Messi wirkt lange nicht so atemberaubend wie der stürmende. Er spricht derart leise, als wäre jedes seiner Worte voll von Geheimnissen, die nicht von Dritten gehört werden dürfen. «Mir ist kalt, bitte nur eine Frage.» Auf dem kurzen Weg vom Trainingsplatz zur Umkleidekabine bleibt nicht viel Zeit. Nur eine Frage. «Wann wollen Sie ein Interview geben?» Ein Lächeln wie für die Fotohandys. Keine Antwort. Weg ist er. In den Katakomben.

 

Am Haupteingang des Camp Nou wiederholen sich Tag für Tag die Ereignisse. Täglich bildet sich eine Schlange, die bis zum Abend in Bewegung bleibt. 1,5 Millionen Besucher im Jahr lassen sich für elf Euro durch das Stadion führen. Im Vereinsmuseum bestaunen sie die Trophäen, die in Vitrinen unter Designerleuchten lagern, wie Bilder von Dalí oder Miró.

 

Draussen vor dem Stadion stellen Wachleute in blauen Uniformen gegen Mittag gelbe Absperrgitter auf. Das Zeichen für die Fans, dass ihre Idole nun bald in ihren noblen Karossen nach Hause fahren werden. Eine italienische Familie aus Turin deckt sich an einem der Fanartikelstände mit blau-granatrot gestreiften Trikots ein. Vater, Mutter und Tochter haben sich bereits ein Ronaldinho-Shirt übergezogen. Die Söhne streiten darum, wer von beiden Messi sein darf. «Nimm du auch Ronaldinho.» – «Nein du!» Am Ende sind sie beide Messi. Und alle fünf tragen das Unicef-Logo auf ihren neuen Jerseys.

 

Seit der Klub im vergangenen Jahr erstmals in der 108-jährigen Klubgeschichte mit einer eisernen Tradition gebrochen und die bis dato blanke Trikotbrust mit Werbung versehen hat, kommen täglich viele Hunderte humanitäre Botschafter hinzu. Barça verzichtet damit nicht nur auf einen Millionendeal, da es für diese Werbezwecke keinen Cent verlangt; im Gegenteil: Der Verein spendet Unicef auf fünf Jahre gesehen sogar 1,5 Millionen Euro jährlich dafür.

 

Mittlerweile haben sich rund 500 Schaulustige versammelt, die den Spielern beim Nachhausefahren zusehen wollen. Sie stehen Spalier, Fotoapparate griffbereit. Jedes Mal Aufregung, wenn wieder ein Auto die Tiefgarage verlässt. Auch wenn die Fussballergesichter hinter dunkel getönten Scheiben alle gleich aussehen, glaubt jeder Ronaldinho erkannt zu haben.

 

Verfolgung von Messi

Als Messi in seinem wuchtigen Geländewagen das Stadiongelände verlässt, kommt das Taxi gerade recht. «Folgen Sie dem Wagen bitte!» Dem Taxifahrer scheint dies schon häufiger passiert zu sein: «Welcher Spieler ist es denn?» – «Messi.» – «Oooooh Messi!», ruft er, «unser Juwel!» Messi fährt langsam. Wir können dranbleiben. «Was wollen Sie von ihm? Ein Autogramm?» – «Ein Interview.» Der Taxifahrer nickt, «das wollen viele». Nach nur wenigen Minuten aber ist der Plan fehlgeschlagen. Messi fährt bei dunkelgelb über eine Ampel. Unser Taxi bleibt bei rot stehen. Der Mann am Steuer zuckt mit den Achseln. So müssen sich Messis Gegenspieler fühlen, wenn er sie wieder einmal ausgetrickst und einfach stehen gelassen hat.

Nimmt man die breite Ausfallstrasse nach Nordwesten, vorbei an der Universität und Bürogebäuden, tauchen nach fünf Kilometern über 20 Flutlichtmasten den Vorort Sant Joan Despí in ein kaltes Licht. Gleich neben der Autobahn nach Saragossa, in der Peripherie der 1,6-Millionen-Stadt, hat sich der Klub für 68 Millionen Euro das neue Ausbildungszentrum La Ciudad Deportiva gebaut. Fünf Rasen- und vier Kunstrasenplätze.

Das Gebäude, das neben einer Sporthalle auch Umkleide- und Fitnessräume sowie Büros beherbergt, sieht aus, als hätten es Architekturstudenten für ihresgleichen entworfen. Viel Stahl, viel Beton, viel Glas. Das ist nicht schön, aber funktional. Unbefugten und Hunden ist der Zutritt verboten. Hier implantieren 40 Trainer dem Nachwuchs, über 200 Kindern und Jugendlichen, seit knapp einem Jahr das Barça-Gen: endloser Kombinationsfussball, betontes Flügelspiel, frühzeitiges Pressing.

Schon die Kleinsten spielen im stets offensiv ausgerichteten System der Profis mit Viererabwehrkette, drei Mittelfeldspielern und drei Angreifern. Kaum eine Übung ohne Ball. Der Klub, 18-mal spanischer Meister und 24-mal Pokalsieger, vermittelt seinem Nachwuchs in jedem Moment das Gefühl, besonders zu sein. Jeder Spieler hat sein eigenes Fach, in dem frisch gewaschene Trainingskluft bereit liegt. Auch Spiele der Elf- bis Zwölfjährigen werden live für die 55 000 Abonnenten des Vereinssenders Barça-TV übertragen. Das überschwängliche Umarmen nach Toren, das lässige Winken ins Publikum, die Interviews danach gehören auch in der D-Jugend zum Alltag.

 Den vollständigen Artikel finden Sie im Sportmagazin Juli/August 2007
 

"Der kleine Finger Gottes" 

Quelle: Das Magazin

Ohne ihn ist die Champions League nur eine Liga: Barcelonas Lionel Messi, 20 Jahre jung, 1,69 Meter klein, überragt sie alle. Über sich redet er nicht gern. Hier tut er es trotzdem.

25.04.2008 von Oliver Lück

 


Es gibt nur wenige Momente, in denen Lionel Messi seine Füsse still halten kann. Auch jetzt nicht, als er in Jeans, dunkelblauer Trainingsjacke und schwarzen Badelatschen in einer VIP-Loge des ehrwürdigen Camp Nou, dem Stadion des FC Barcelona, in einem braunen Ledersessel sitzt. Während sein Oberkörper fast bewegungslos verharrt und er mit ruhiger Stimme antwortet, scheint seine untere Hälfte einem anderen Menschen zu gehören. Er schlägt die Beine übereinander. Zunächst das rechte über das linke, dann das linke über das rechte. Und wieder das rechte über das linke. Immer wieder zieht er die Badelatschen an und aus. So geht es das ganze Interview. Während er oben redet, er Sätze sagt wie «Nichts ist schrecklicher, als zu verlieren», erzählen seine Füsse unten eine andere Geschichte. Latschen an und wieder aus.
Es ist die Geschichte der Zweiteilung des Lionel Messi. Oben die Gelassenheit eines erfahrenen Profis, unten die nervöse Spielfreude eines Schuljungen. Die Wahrheit ist, dass er beides ist: ein Profi mit dem Spieltrieb eines Kindes. Und in Zeiten, da die Grenzen zwischen Sportheld, Popstar und Sexsymbol verschwimmen, bleibt Lionel Messi das, was er am liebsten ist: ein Fussballer. Nicht irgendeiner, da ist sich die Fussballwelt längst einig. Lionel Messi ist der neue Fussballgott.
In der Mannschaft des FC Barcelona, die mit Ronaldinho, Deco, Samuel Eto’o oder Thierry Henry einen Überschuss an Strahlkraft besitzt, bringt Messi es fertig, dass ihm die grösste Aufmerksamkeit gebührt. Er ist das Erfrischendste, was der Fussball zurzeit zu bieten hat. «Wir haben einen neuen Maradona», singen argentinische Journalisten regelmässig Lobeshymnen, wenn Lionel Messi wieder einmal in der argentinischen Nationalelf brilliert. «Ich habe einen Erben», sagt der einst beste Fussballer der Welt, Diego Maradona, es sei nicht normal, dass ein Spieler in diesem Alter auf einem derart hohen Niveau spiele. Niemand auf der Welt zeige eine solche Entwicklung. Und Messis Trainer, der Holländer Frank Rijkaard, schwärmt: «Einen Spieler mit derartigen Fähigkeiten habe ich noch nie gesehen. Er ist nicht der neue Maradona. Er ist einzigartig. Er ist Messi.»
Seine plötzlichen Richtungswechsel in höchstem Tempo. Seine fast magisch erscheinende enge Ballführung. Sein präzises Passspiel, als hätten seine Füsse Finger, die jeden seiner Pässe dirigierten. Sein explosiver Antritt. Bei Lionel Messi geht alles nicht schnell, es geht furchtbar schnell. Er spielt in Übergeschwindigkeit. Wo andere einen Schritt machen, macht er drei. Bewegungen, die regelmässig auch seine Gegenspieler überfordern, die ihn meist nur mit Fouls zu bremsen wissen. «Es ist okay, wenn sie mich foulen», sagt er, und es klingt fast so, als hätte er Mitleid mit seinen Widersachern.

Das Himmelstor

Es gibt ein Video, das den fünfjährigen Leo auf einem Bolzplatz seiner Heimatstadt Rosario zeigt. Er ist der Kleinste unter den Kleinen, läuft aber dennoch allen mit dem Ball am Fuss davon und erzielt Tor um Tor. «Keiner konnte ihn stoppen», sagt sein Vater Jorge, «im Grunde spielt er heute noch wie damals: immer Richtung Tor. Manchmal», gesteht er und schüttelt ungläubig den Kopf, «habe ich geglaubt, mein Sohn ist ein Ausserirdischer.»
Was an jenem kühlen Aprilabend im vergangenen Jahr gewiss viele gedacht haben müssen, die das Halbfinalhinspiel der Copa del Rey, des spanischen Pokals, zwischen dem FC Barcelona und dem Madrider Vorstadtklub FC Getafe sahen. 54 000 offene Münder. 54 000, die um Fassung rangen. Sie sahen, wie ein 19-Jähriger eines der unglaublichsten Tore der Geschichte schoss. Es gibt Fussballer, die muss man nur einmal spielen sehen und wird sie nie wieder vergessen. Lionel Messi ist so einer der ganz wenigen, die mit ihrer atemberaubenden Spielweise dem Fussball etwas Neues, noch nie Dagewesenes geben.
Wie an jenem Abend im April: Es läuft die 29. Minute, als Messi in der eigenen Hälfte den Ball bekommt und die ersten beiden Gegenspieler aussteigen lässt. Selbst mit Ball ist er schneller als die anderen. Seine langen Haare wehen wie ein Kometenschweif, als er mit unfassbarem Tempo in Richtung Tor stürmt. Die nächsten beiden Statisten warten an der Strafraumgrenze, er sieht sie nur flüchtig, als sie an ihm vorbei ins Leere grätschen oder umfallen, weil sie die Balance verlieren. Auch den Goalie umkurvt er und lupft den Ball über den sechsten Verteidiger aus spitzem Winkel ins Tor zum 2:0. Ein Tor wie eine Erleuchtung. Dreizehn Ballberührungen, über welche die Welt auch in Jahrzehnten noch reden wird. Man muss nichts von Fussball verstehen, um zu begreifen: Dieser Junge stammt nicht bloss von einem anderen Fussballplaneten. Er muss von weiter her kommen, aus einem eigenen Sonnensystem.

Lionel Messi, woran erinnern Sie sich, wenn Sie an dieses Tor denken?
Es war ein wunderschönes Tor, und ich weiss nicht, ob mir so etwas noch ein zweites Mal gelingen wird. Davon zehre ich noch immer, denn so etwas vergisst man sein ganzes Leben nicht mehr. Als ich die ersten beiden Gegenspieler hinter mir gelassen hatte, sah ich, dass ich eine Menge Platz im Mittelfeld hatte. Also rannte ich mit dem Ball einfach weiter, so wie ich es immer tue. Ich dachte an nichts, ausser an ein Tor natürlich.

Das klingt einfach.
So war es aber. Auf dem Platz denke ich nie, ich spiele. Zum Denken habe ich gar keine Zeit. Ich entscheide alles von Moment zu Moment.

Das Tor ähnelt verblüffend dem Sololauf von Diego Armando Maradona beim Viertelfinaltriumph Argentiniens gegen England bei der Weltmeisterschaft 1986.
Erst nach dem Spiel, als mich Reporter und Mannschaftskollegen darauf ansprachen, wurde mir die Ähnlichkeit bewusst. Ich hatte es aber sicher nicht darauf angelegt, das Solo von Maradona zu kopieren. Tore kann man nicht kopieren.

Seit Jahren werden Sie mit Maradona verglichen. Stört Sie das?
Nein, natürlich nicht, das ist eine grosse Ehre für mich. In Argentinien ist er für jeden Fussballer das Vorbild schlechthin. Ich habe ihn oft getroffen und viel von ihm gelernt. Er ist der Grösste.

Messi redet nicht gern. Er spricht derart leise, als wäre jedes seiner Worte voll von Geheimnissen, die nicht von Dritten gehört werden dürfen. Er nuschelt und verschluckt dabei die Hälfte seiner eh schon kurzen Sätze. Dennoch beantwortet er höflich jede Frage. Er erzählt, wie er mit 13 Jahren gemeinsam mit seinen drei Geschwistern und den Eltern vor der argentinischen Wirtschaftskrise flüchtete und nach Barcelona zog. Wie fremd und verloren er sich ohne seine Freunde fühlte. «Meine Eltern wollten in Spanien arbeiten», sagt er, «und ich war krank.» Eine hormonell bedingte Krankheit behinderte sein Wachstum, er mass gerade mal 1,46 Meter. Die Medizin kostete 900 Dollar im Monat, doch seine Familie hatte das Geld nicht. Und kein argentinischer Klub wollte für die ärztliche Behandlung aufkommen. «Also versuchten wir unser Glück in Barcelona.» In nur einem Probetraining überzeugte er die Trainer und erhielt einen Vertrag. Lionel Messi zog in die Jugendakademie des Klubs. Und das Medikament, das er sich zwei Jahre lang jede Nacht injizierte, wirkte. Er wuchs, jeden Monat einen Zentimeter. Fortan sollte es rasant nach oben gehen für den Teenager.
In einer Vierzimmerwohnung in Barcelonas Vorort Esplugues de Llobregat schiebt Rodolf Borrell Gläser und Wasserflaschen auf dem Wohnzimmertisch hin und her. Er erklärt Spielzüge und Laufwege, spricht dabei viel mit seinen riesigen Händen. Jedes seiner Worte klingt wie fett gedruckt, als halte er gerade die Teamansprache vor dem wichtigsten Spiel der Karriere. Seit dreizehn Jahren ist Borrell Nachwuchstrainer beim FC Barcelona. «Ein Traumjob», sagt der 37-Jährige und zwinkert mit dem Auge, «nur vier Stunden am Tag arbeiten.» Er hat sie alle gross werden sehen, die heutigen Superstars: Andrés Iniesta, Xavi, Oleguer, Víctor Valdés, Carles Puyol und auch Messi. Borrell war sein erster Trainer bei Barça. Da war Messi 13. Was er dachte, als er ihn das erste Mal spielen sah? Borrell zeigt den kleinen Finger seiner rechten Hand. «Ich dachte, oh ist der dünn, ist der klein!»

Schaut ihm in die Augen

Aus einem Schuhkarton kramt er einen Stapel Fotos hervor. Auf einem hält Messi einen riesigen Pokal in den Händen. Auf einem anderen steht er Arm in Arm mit Cesc Fàbregas und Gerard Piqué, beide heute Profis beim FC Arsenal und bei Manchester United. Auf den vielen Mannschaftsfotos kniet oder sitzt der Argentinier immer ganz vorn in der ersten Reihe. Das ist heute noch so. So fällt es weniger auf, dass er viel kleiner ist als die anderen. «Seine fehlende Grösse hat er durch seine brillante Technik und seinen Willen wettgemacht», weiss Rodolf Borrell, «er hatte schon immer diese Entschlossenheit, es schaffen zu wollen. Ich habe es in seinen Augen gesehen.»
Am nächsten Tag spielt Barças Reserveteam in der vierten spanischen Liga gegen den AEC Manlleu im Mini Estadi, dem kleinen Stadion des FC Barcelona gleich neben dem Camp Nou. Regelmässig, wenn die Profis hier trainieren, treffen sich auf den Balkonen der benachbarten Hochhäuser die Bewohner, um Ronaldinho, Messi und den anderen Stars bei der Arbeit zuzusehen. Einer der exklusivsten Blicke der Stadt im Mietpreis inbegriffen.
Heute steht niemand auf den Balkons. Im 15 000 Zuschauer fassenden Rund verlieren sich gerade mal fünfhundert Interessierte. Unter ihnen Víctor Vázquez: drei Tage nicht rasiert, sicher 1,90 Meter gross, das Gel glänzt in seinen schwarzen Haaren. Eigentlich sollte der 21-Jährige auch auf dem Platz sein, wo seine Teamkollegen heute 4:2 gewinnen werden. Doch er ist verletzt, Muskelzerrung, er hat es sich auf einem der klapprigen Plastiksitze gemütlich gemacht. Drei Jahre spielten sie Seite an Seite in Barças Jugendteam. Víctor Vázquez zentral, Leo Messi links im Angriff. Zu Beginn, erinnert sich Vázquez, habe Leo kein Wort gesprochen. Er kam in die Umkleidekabine, setzte sich schüchtern in eine Ecke, zog sich um und lief zum Trainingsplatz. Das ging Monate so. Zwar habe man sich später gut verstanden, «doch wenn wir anderen abends ausgingen oder ins Kino wollten, blieb Leo lieber zu Hause. Der interessierte sich nur für Fussball, und der Ball gehorchte ihm schon damals wie ein Hund.» Einmal, sie spielten im spanischen Pokalfinale gegen den Stadtrivalen Espanyol, musste Messi eine Gesichtsmaske tragen, da er sich das Jochbein gebrochen hatte. «Nach wenigen Minuten lief Leo zur Aussenlinie und bat unseren Trainer, die Maske für zehn Minuten absetzen zu dürfen, er konnte nichts sehen», erinnert sich Vázquez, «zehn Minuten später hatte er zwei Tore geschossen, und der Trainer konnte ihn auswechseln.» Barça gewann 3:0.
«Leo ist der Wahnsinn», sagt Víctor Vázquez, «seine Leistungen sind damals explodiert. In nur einem Jahr hat er drei Mannschaften übersprungen.» Was bloss drei Jahre zurückliegt, klingt bei Fussballern oft wie eine Erinnerung an eine fremde Zeit. «Wir waren die besten Freunde im Team», spricht Víctor Vázquez auf der Tribüne mehr zu sich selbst. Leo habe ihn nicht vergessen, betont er. So oft er könne, besuche der neue Weltstar, der einst sein Mitspieler war, die Spiele der B-Elf. Und sie nennen ihn heute noch «Enano», den Zwerg, verrät Vázquez, «Leo ruft dann immer: ‹Ich warte auf euch im grossen Stadion.›»
Der FC Barcelona hatte immer gewusst, dass er einen kommenden Star in seinen Reihen hat. Wie gut Messi wirklich ist, hatte bis zum Sommer 2005 allerdings niemand geahnt. Bei der WM der unter 20-Jährigen in den Niederlanden entschied er alleine das Finale gegen Nigeria. Mit zwei Penaltys schoss er Argentinien zum 2:1 und zum WM-Titel. Er wurde bester Torschütze und zum besten Spieler des Turniers gewählt. Mit 18. Barças Sportdirektor Txiki Beguiristain reiste noch während des Turniers nach Holland, um den Vertrag aufzubessern, bevor andere Vereine lukrativere Offerten machen konnten. Nun haben die Katalanen den Argentinier, der inzwischen auch einen spanischen Pass besitzt, bis 2014 an sich gebunden und die Ablösesumme auf ein Mass wie bei Ronaldinho festgeschrieben: 150 Millionen Euro. Sein Jahressalär wurde von 150 000 Euro auf angebliche 4,4 Millionen korrigiert.
Nach dem Training warten am Rand des Platzes Fans und Touristen. Kinder rufen die Namen der Spieler und möchten Autogramme. Junge Frauen kreischen und möchten Kinder von den Spielern. Lionel Messi erfüllt geduldig jeden Wunsch der Autogrammsammler, lächelt brav in jedes Fotohandy, nimmt Kinder in den Arm. Ronaldinho kommt vorbei, nimmt Messi in den Arm und zeigt sein Hasenlächeln. Fotoapparate klicken. «Ronaldinho, eine Frage bitte: Ist Messi ein Ausserirdischer?» Der Brasilianer: «Auf dem Fussballplatz ist er ein Monster. Ich bin glücklich, mit ihm in einem Team zu sein. Er ist mein kleiner Bruder.» Ronaldinho verschwindet in den Katakomben. Anfangs, als sein kleiner Bruder noch keinen Führerschein hatte, holte er ihn manchmal zum Training ab oder ging mit ihm zum Coiffeur. Er sorgte auch dafür, dass er in der Umkleidekabine von Beginn an neben ihm sass. Etwas, das sonst nur Spielern vorbehalten ist, die schon länger im Team sind.

Lionel Messi, Sie bekommen viele Angebote von anderen Spitzenklubs. Wann verlassen Sie den FC Barcelona?
Daran denke ich wirklich nicht. Dem FC Barcelona verdanke ich alles, ich werde noch lange lange bei Barça spielen, vielleicht sogar meine Karriere hier beenden. Der Klub und die Stadt sind mein Zuhause. Ich bin glücklich, so, wie es ist.

Sie sind erst 20, haben Sie manchmal Angst, dass alles zu schnell für Sie geht?
Manchmal habe ich mich auf dem Trainingsplatz umgeschaut, all die Stars gesehen und gedacht, ich bin im Märchen. Wirklich Gedanken habe ich mir darüber aber nie gemacht. Nein, Angst habe ich keine. Das ist aber schon immer so gewesen: Je grösser der Druck, umso besser habe ich gespielt. Und das ist es, was ich möchte: einfach Fussball spielen und jeden Augenblick geniessen, den ich mit den anderen auf dem Platz stehen darf.

Ronaldinho hat Sie von Beginn an gefördert.
Ja, ich nehme jeden seiner Ratschläge sehr ernst. Er und Deco unterstützen mich, wo sie können. Ronaldinho ist mehr als bloss ein Mannschaftskollege, er ist ein echter Freund. Seit einiger Zeit sind wir auch Nachbarn. Wir verbringen häufig unsere Freizeit zusammen.

Gibt es etwas, das Sie seit Ihrem Ruhm vermissen?
Ich möchte mehr schlafen können. Früher habe ich sicher zehn Stunden jede Nacht geschlafen und noch eine am Tag. Das geht heute nicht mehr, da ich neben dem Training viel mehr Termine mit den Medien und den Sponsoren habe.

Vorn am Haupteingang zum Stadion deckt sich eine italienische Familie aus Turin an einem der Fanartikelstände mit blau-granatrot gestreiften Trikots ein. Vater, Mutter und Tochter haben sich bereits ein Ronaldinho-Shirt übergezogen. Die Söhne streiten darum, wer von beiden Messi sein darf. «Nimm du auch Ronaldinho.» – «Nein du!» Am Ende sind sie beide Messi. Auch im Fanartikelstore am Camp Nou, gross wie ein Kaufhaus, wo sich die Fans die Namen der Spieler auf ein Trikot ihrer Wahl drucken lassen können, ist das Jersey mit der Nummer 19 der absolute Renner. «Messi führt vor Ronaldinho und Henry», sagt einer der Verkäufer. «Er liegt mit grossem Abstand auf Platz eins.» Lionel Messi gehört längst zu den wenigen Fussballprofis der Welt, die nicht selten zwei Trikots pro Spiel benötigen. Denn auch die Akteure des Gegners haben sein Jersey als Hauptgewinn ausgemacht. Eines tauscht er in der Halbzeitpause, das andere nach dem Schlusspfiff. Es kommt auch vor, dass Spieler sich sein Trikot bereits vor dem Anpfiff sichern wollen. Ob ihm das peinlich ist? «Manchmal schon», sagt er, «ich muss zugeben, dass der ganze Rummel um meine Person nicht mein Fall ist. Es gibt ja sogar schon eine Biografie über mich.» Das Buch heisst «Barças Schatz» und ist in ganz Barcelona ausverkauft.
Dennoch ist Lionel Messi bescheiden geblieben. Bis vor eineinhalb Jahren wohnte er in derselben kleinen Wohnung, in die er zu Beginn mit seiner Familie gezogen war. Sie liegt keine hundert Meter vom Stadion und den Trainingsplätzen entfernt. Doch irgendwann wurden die Fans zu aufdringlich. «Ich konnte nicht mehr vor die Tür gehen», erzählt Messi. Nun lebt er in einer Villa in Castelldefels, einem Badeort dreissig Kilometer südlich der Stadt. Ronaldinho ist sein Nachbar. Oft verbringen sie die freien Nachmittage zusammen am Swimmingpool oder am Strand. Am liebsten aber spielen sie gemeinsam Fussball – mit der Playstation. Er spiele immer den FC Barcelona und sich selbst, sagt Messi. Immer? Nein, manchmal tauschen sie die Rollen. Er spielt Ronaldinho und Ronaldinho spielt Messi. Und wie ist es, Ronaldinho zu sein? «Lustig», sagt er und streicht seine langen Haare hinter die Ohren, wie er es in jedem Spiel Dutzende Male tut, «ich spiele aber lieber mich selbst. Das kann ich am besten.» Leo Messi blickt durch das grosse Panoramafenster der Loge in das menschenleere Stadion. 100 000 freie Plätze. «Ohne Zuschauer könnte ich nicht spielen. Das wäre viel zu langweilig.» Seine Füsse schubbern heftig über den edlen Teppichboden, als er das sagt.


 

5. Juli 2007, Neue Zürcher Zeitung

Erfolgreiches Geschäftsmodell des FC Barcelona

Von Helmut Dietl und Egon Franck*

Der FC Barcelona ist einer der bekanntesten und traditionsreichsten Fussballklubs der Welt. 1992 und 2006 gewannen die Spanier die Champions League, insgesamt 18 Mal die nationale Meisterschaft. Der Klub ist nicht nur im Fussball, sondern auch in anderen Sportarten wie etwa im Basketball und vor allem im Handball Weltspitze. Mit über 150 000 Mitgliedern ist der FC Barcelona zudem einer der grössten Vereine überhaupt. Seine Anhänger sind weltweit in über 1800 Fanklubs organisiert. Erstaunlicherweise konnte der FC Barcelona in nur drei Jahren von 2002/2003 bis 2005/2006 seine Einnahmen von 123 auf 259 Millionen Euro mehr als verdoppeln, derweil das Flaggschiff des englischen Fussballs, Manchester United, im selben Zeitraum eine leichte Verschlechterung von 251 auf 242 Millionen Euro hinzunehmen hatte.

Der Schlüssel zu dieser Entwicklung des FC Barcelona liegt in seinem Geschäftsmodell, das im internationalen Profisport einmalig ist. Das Motto «Mehr als ein Klub» hat eine vielfältige Bedeutung. Für Katalonien symbolisiert der Verein Heimat und Freiheit, für viele spanische Intellektuelle steht er für Demokratie und Solidarität. Im globalen Wettbewerb versucht der Sportverein dieses Image durch soziales Engagement auszuweiten und zu vertiefen. Beispielsweise hat sich der Klub verpflichtet, in den nächsten fünf Jahren jährlich 1,5 Millionen Euro an das Kinderhilfswerk Unicef zu überweisen. Unter dem Motto «Mehr als ein Klub: eine neue Hoffnung für Kinder weltweit» stellen die Spanier zudem die Werbefläche auf ihren Trikots Unicef kostenfrei zur Verfügung, statt sie wie ihre Konkurrenten an den meistbietenden Sponsor zu verkaufen. Auch auf sportlicher Ebene hat das Geschäftsmodell klare Konturen. Der FC Barcelona steht für attraktiven Angriffsfussball auf höchstem technischem Niveau. Selbst wenn das Team in Führung liegt, setzt es nie auf Defensivtaktik. In der Personalpolitik verfolgt man das Ziel, die besten Angriffsfussballer der Welt in jungen Jahren zu verpflichten und nie wieder abzugeben.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Profifussball zu einer globalen Unterhaltungsbranche entwickelt. In diesem Wettbewerbsumfeld können sich maximal sechs bis zehn Klubs als globale Marken durchsetzen. Da die europäischen Märkte weitgehend gesättigt sind, kämpfen die Fussballvereine derzeit vor allem um die asiatischen und amerikanischen Märkte. Für viele junge Asiaten und Amerikaner ist das besondere Geschäftsmodell des FC Barcelona attraktiv. Sie können sich nämlich mit Offensivfussball, weltbekannten Starangreifern, Demokratie, Solidarität und Unicef auch über räumliche Grenzen hinweg bestens identifizieren. Ganz entscheidend für diese Identifikation ist dabei die Glaubwürdigkeit des Geschäftsmodells. In diesem Zusammenhang kommt der Rechtsform besondere Bedeutung zu. Der FC Barcelona ist noch immer als gemeinnütziger Verein organisiert. Der Klub gehört den Mitgliedern, den Fans. In einer Zeit, in der viele Klubs in Kapitalgesellschaften umgewandelt und von Milliardären übernommen werden, bietet die Rechtsform des gemeinnützigen Vereins einen wichtigen strategischen Wettbewerbsvorteil. Anders als bei Kapitalgesellschaften gibt es nämlich innerhalb eines Vereins keine Gewinnaneignungs- und Veräusserungsrechte. Oberste Maxime eines Sportvereins ist nicht die Gewinnerzielung, sondern die Verfolgung sportlicher Ziele. Mitglieder, Fans und Sponsoren des FC Barcelona können also sicher sein, dass alle erzielten Erträge dem Sport zugute kommen. Demgegenüber müssen etwa die Anhänger und Sponsoren von Manchester United befürchten, dass die Eigentümer in erster Linie Profitziele verfolgen. Das rasante Umsatzwachstum des FC Barcelona an seinen englischen Konkurrenten vorbei deutet darauf hin, dass Fans und Sponsoren vielleicht doch lieber den Fussball und Unicef unterstützen als US-amerikanische Milliardäre. Anhänger und Sponsoren des FC Barcelona müssen auch nicht befürchten, dass ihr Klub und damit ihre Träume, Leidenschaften und Investitionen verkauft oder gar umgesiedelt werden. Vereine sind weder börsennotiert noch anderweitig käuflich erwerbbar. Sie werden nach demokratischen Prinzipien und nicht nach kapitalistischen Interessen geführt.

* Helmut Dietl und Egon Franck sind ordentliche Professoren an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich. Beide beschäftigen sich seit Jahren unter anderem mit ökonomischen Fragen des Sports.

Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter: http://www.nzz.ch/hintergrund/dossiers/sport_oekonomie_und_medizin/sport_und_oekonomie/erfolgreiches_geschaeftsmodell_des_fc_barcelona_1.517758.html

 

 

Der FC Barcelona entthront Manchester United

 

 

Im einseitigen Champions-League-Final von Rom besiegte der spanische Meister Barcelona den chancenlosen englischen Titelhalter Manchester United.

 

smw / Quelle: Si / Mittwoch, 27. Mai 2009 / 22:40 h

 


 

Samuel Eto´o (10.) nach einem Dribbling und Lionel Messi (70.) mit einem Kopfball verlängerten mit ihren Treffern die spanischen Festivitäten auf der internationalen Bühne. Ein Jahr nach dem EM-Titel stemmte Captain Carles Puyol die nächste Trophäe in die Höhe. Minuten vor ihm empfing der fehlerlose Schweizer Top-Schiedsrichter Massimo Busacca eine Medaille der UEFA. Der Tessiner empfahl sich mit seiner Leistung für einen weiteren Höhepunkt seiner Referee-Laufbahn -- für den WM-Final. Auf dem Rasen fehlte (fast) keine Grösse der europäischen Fussball-Glamourszene. Vom Gipfeltreffen der womöglich weltweit teuersten Equipen erhofften sich die Gourmets viel. Ein gigantisches Spektakel bekam das Römer Publikum nicht geboten. Der astronomisch hohe Druck schränkte vor allem die Stars von Manchester zu sehr ein. Nach 25 Champions-League-Spielen ohne Niederlage riss die fabelhafte Serie der United. Ausgerechnet im bedeutendsten Moment der brillanten Saison erfüllte sie ihre eigenen hohen Ansprüche nicht mehr. In seiner Verzeiflung liess Alex Ferguson ab der 66. Minute mit vier Stürmern angreifen. Aber auch der letzte Schachzug des «Sirs» bewirkte nichts. Im Gegenteil: Ausgerechnet Lionel Messi, der mit 1,69 m kleinste Akteur auf dem Feld, verwertete eine Flanke von Xavi per Kopf zum 2:0. Mit seinem neunten Treffer raubte der Topskorer der Champions League Manchester endgültig die Chance, als erste Mannschaft den Titel erfolgreich zu verteidigen. Barça hat die Prominenz aus England im Klassiker gedemütigt. Die spielstärkste und defensiv am besten organisierte Mannschaft aller Top-Ligen führte Manchester an die Grenzen. Mit dem Team der katalanischen Ikone Pep Guardiola (38), die erst vor einem Jahr die B-Auswahl des FCB zum Aufstieg geführt hatte, kann momentan kein anderes Schwergewicht mithalten.

Vidic und ManU ausgetrickst

Barças Abwehr war wegen Sperren und Verletzungen diverser Titulare kaum mehr erkennbar -- zumindest auf dem Papier. Orientierungsprobleme bekundete die Reihe um Captain Carles Puyol nur in den ersten zehn Minuten. Cristiano Ronaldo sorgte mit einem scharfen Freistoss für Unruhe. Mit zwei weiteren Schüssen verfehlte der Portugiese das Ziel nur um Zentimeter. Den ersten kapitalen Fehler leistete sich aber nicht die umformierte Defensive der Katalanen, sondern ManU-Verteidiger Nemanja Vidic. Der Serbe liess sich von Eto´o klassisch austricksen und verschuldete den Rückstand erheblich mit. Vor seinem 33. Saisontor traf der Kameruner auf allzu geringen Widerstand. Eine einzige starke Aktion genügte den Spaniern bereits zum kursweisenden Vorteil. Die Briten hingegen liessen sich vom ersten Rückschlag völlig verunsichern. Künstler Cristiano Ronaldo verlegte den Zauberstab nach zwei, drei Highlights früh -- und fand ihn nicht mehr. Andere Leaderfiguren der Mancunians gestikulierten schon in der ersten Hälfte nur noch.

Matte Engländer

Teuflisch rot sind die Original-Shirts von Manchester. Im Final traten die Engländer wegen der blau-roten Farbe des FCB in Weiss an. Sie strahlten nicht im ungewohnten Dress, die Engländer wirkten eher matt. Ihre Qualitäten, ihr möglicher Speed kam nicht zur Geltung. Zu smart gruppierte sich Barça, das vor dem phasenweise ratlosen Titelhalter ein regelrechtes Netz aufspannte. In der Pause reagierte Alex Ferguson. Der schottische Chef-Stratege ersetzte den zu defensiven Anderson durch Carlos Tevez.

Mit dem wilden Gaucho wollte er das Offensivspiel befeuern. Es blieb bei der Absichtserklärung. ManU kam in Rom nie auf Touren. Ausgerechnet im wichtigsten Spiel der Saison erreichte kaum ein Akteur sein normales Level. Nach 53 Minuten beanspruchte das mit Abstand beste Team der Premier League gar grosses Glück, nicht früher noch deutlicher in Rückstand zu geraten. Xavi setzte einen Freistossball an den Pfosten. Im Vorfeld hatten weltweit fast alle Experten darüber spekuliert, ob Messi oder Cristiano Ronaldo die letzte relevante Frage im Klub-Fussball würde. Die Nummer 10 der Katalanen beantwortete sie 20 Minuten vor dem Ende mit seinem herrlichen Kopfball. An der FIFA-Gala im letzten Januar musste der legitime Nachfolger Maradonas dem extravaganten Portugiesen den Vortritt überlassen, nun stellte er im Olimpico den «Weltfussballer des Jahres» in den Schatten.

FC Barcelona - Manchester United 2:0 (1:0)

Olimpico, Rom. -- 67'000 Zuschauer (ausverkauft). -- SR Busacca. -- Tore: 10. Eto'o 1:0. 70. Messi 2:0. FC Barcelona: Valdes; Puyol, Yaya Touré, Piqué, Sylvinho; Xavi, Busquets, Iniesta (93. Rodriguez); Messi, Eto'o, Henry (72. Keita). Manchester United: Van der Sar; O'Shea, Ferdinand, Vidic, Evra; Anderson (46. Tevez), Carrick, Giggs (75. Scholes); Park (66. Berbatov), Ronaldo, Rooney. Bemerkungen: FC Barcelona ohne Alves, Abidal (beide gesperrt), Marquez, Milito (beide verletzt), Manchester United ohne Fletcher (gesperrt), Brown, Hargreaves (beide verletzt). 53. Freistoss von Xavi an den Pfosten. Verwarnungen: 16. Piqué (Foul), 78. Ronaldo (Unsportlichkeit), 80. Scholes, 93. Vidic (beide Foul).

 

 

«Eine Mannschaft für die Geschichte»
 

 

fest / Quelle: Si / Donnerstag, 28. Mai 2009 / 16:02 h


 

Für die englischen Zeitungen kam die Niederlage von Manchester United einer Schmach gleich, die Anerkennung für die starke Leistung des siegreichen FC Barcelona blieb aber nicht aus. «Barcelona hat jede Diskussion um die derzeit beste Mannschaft der Welt sehr überzeugend beendet», schrieb die «Times» stellvertretend.

Spanien Marca (Madrid):

«Diese Mannschaft ist ein Kunstwerk. Der ganze Planet verneigt sich vor der besten Mannschaft der Welt. Perfect Team! Dieses Barça ist eine der besten Mannschaften der Geschichte.»

AS (Madrid):

«Triple! Der spanische Fussball bestätigt seine Übermacht. Ja, die Perfektion existiert. Platz da für Leo Messi, den neuen König.»

El Mundo Deportivo (Barcelona):

«Die Kaiser von Europa. Die Ewige Stadt war die perfekte Bühne, um Barça als Kaiser von Europa zu krönen. König Messi berührt den Himmel von Rom.»

Sport (Barcelona):

«Der Traum vom Triple ist wahr geworden. Barça, Barça, Barça!!! Veni, Barça, vici. Dies ist eine legendäre Mannschaft. In 20 Jahren, in einem halben Jahrhundert, wird man immer noch von ihr sprechen.»

El Mundo:

«Eine Mannschaft für die Geschichte. Ein legendärer Meister. Dieses Barça ist das Allergrösste!»

El Pais:

«Barça erobert den Gipfel. Guardiolas Team krönt seine beste Saison und entthront Manchester mit elegantem Fussball.»

England The Sun:

«United wurde vom spanischen Giganten niedergemetzelt, Messi gewann das Duell gegen Ronaldo. Der kleine Messi hat Uniteds Champions-League-Traum zerstört - per Kopf! Messi eroberte Rom dank einer taktischen Meisterleistung von Guardiola. Daumen runter für Fergies Flops. Barça liess United wie leblose Statuen an der Strasse zum Olympia-Stadion aussehen. Heil dir, Xavi! Heil dir, kleiner Cäsar! Heil dir, Barcelona!»

The Times:

«Ein niedergeschlagenes United verlässt Rom in Trümmern. Ronaldo und Co. werden auf schockierende Art blossgestellt. Es war eines der einseitigsten Endspiele, an die man sich erinnern kann. Barcelona hat jede Diskussion um die derzeit beste Mannschaft der Welt sehr überzeugend beendet.»

The Guardian:

«United bricht ohne einen Kampf zusammen. Messi geht aus dem Zusammentreffen der Gladiatoren als Champion hervor. Messi, der in seiner Jugend noch Wachstumshormone benötigt hatte, gab United den Gnadenstoss. Und Fergusons Elend wird noch schlimmer, weil Ronaldo seine Zukunft im Unklaren lässt.»

The Independent:

«United steht der Mittelfeld-Herrschaft von Iniesta atemlos gegenüber. Barcelona Europas Champions zu nennen wird ihnen nicht gerecht: Sie sind die Champions des Fussballs. Die Krone gehört Guardiola. Und die neutrale Fussball-Welt muss hoffen, dass das noch eine Weile so bleibt. Der englische Meister wurde nicht geschlagen, er wurde ausgezogen und deklassiert vom schönsten Team des Fussballs.»

Daily Mail:

«Erniedrigt! Der kleine Messi erhebt sich über das trostlose United. Nennt es einfach den Kopf Gottes! Barça verspottet Fergies Männer.

Es gibt nur einen Klub, der sich derzeit zu Recht der beste der Welt nennen darf, und nur einen Spieler, der das Prädikat ´der Beste der Welt´ verdient: Barcelona und Lionel Messi sind auf dem Gipfel. Manchester kommt da leider nicht mit.»

Daily Mirror:

«United wird von Barça deklassiert. Manchester hat verloren, und das auch verdient. United wurde nicht geschlagen, sondern verhauen. Zu Brei geprügelt, besinnungslos geschlagen, so verdroschen, dass der Schmerz und die Qual nie vergessen werden. Es tat beim blossen Zuschauen weh. Und selbst Fergie konnte sich dem Schicksal dieses Mal nicht mehr in den Weg stellen.»

Daily Telegraph:

«Guardiola ist der neue ´Special One´. Er hat sicher genug getan, um José Mourinhos Krone zu erben. Die taktische Meisterleistung von Guardiola und Messis sensationelles Kopfballtor bringen den Katalanen den Sieg. United hat Messi das erlaubt, was er am besten kann: Abwehrreihen terrorisieren. Ronaldo macht die Taktik für die Niederlage verantwortlich.»

Italien Gazzetta dello Sport:

«Fantabarca, Barcelona der Wunder. Mit dem schnellen Spiel dominiert Barça das Mittelfeld - und das ist das Geheimnis seines Erfolges. Messi und Iniesta sind wahre Giganten. Nach dem 1:0 bleibt Guardiolas Mannschaft einzige Herrscherin des Spielfelds. Manchester ist im Vergleich zum vergangenen Jahr nicht wiederzuerkennen. Die ´Roten Teufel´ sind zu Engeln geworden, die schon zu Spielbeginn zu gutmütig sind, um die Gegner zu besiegen.»

Schweiz Blick:

«Barça ist nicht nur Messi. Das Tiki-Taka-Trio von Barcelona um den Superzwirbel zerlegt Manchester in seine Einzelteile. Messi, Iniesta und Xavi - das beste Mittelfeld der Welt - macht mit den Briten, was es will. Ja, die Zwerge treiben die Engländer richtiggehend zur Weissglut. (...) ManU hätte wohl auch nur eine Audienz bei Gottes Stellvertreter helfen können.»

NZZ:

«Schön bis zuallerletzt. Der FC Barcelona prägt den Champions-League-Final mit Kunst und Leichtigkeit. (...) Im Zentrum hatte Xavi hundert Einfälle, einem Gegner den Ball abzuluchsen, und diesen danach auf eine Reise zu schicken, die lange, sehr lange dauern konnte. Man wünschte sich, die Champions League 2008/09 nähme nie ein Ende.»

Tages-Anzeiger:

«Es war ein grossartiger Final. Der Match nahm Fahrt auf wie vorgestellt in den schönen Träumen. (...) Mit der Führung war der FC Barcelona eine neue Mannschaft. Er lancierte sein aufsässiges, unangenehmes, effizientes Pressing. Er hatte im Spiel nach vorne mehr Überraschung, mehr Tempo, mehr Unberechenbarkeit, mehr Finesse.»

Neue Luzerner Zeitung:

«Guardiola krönt sich in Rom zum Fussball-König. Er hat Sir Alex Ferguson, einer lebenden Legende, den Meister gezeigt. Und er hat ihn davon abgehalten, mit Bob Paisley gleichzuziehen. (...) Barcelona hatte nun (nach dem 1:0) das nötige Selbstvertrauen, um sein Kurzpassspiel aufziehen zu können. (...) Sie feierten einen Triumph, der auch ein Sieg der Ästhetik war.»

 

Guardiola - der majestätische Manager

 

Gleich in seinem ersten Trainerjahr machte sich Barcelona-Trainer Josep Guardiola (38) am Mittwochabend im Römer Olimpico unsterblich. Erstmals gewann ein spanischer Verein im gleichen Jahr das nationale Double und Europas Königsklasse.


 

smw / Quelle: Si / Donnerstag, 28. Mai 2009 / 21:53 h


  Doch der zurückhaltende Katalane blieb auch im absoluten Triumph bescheiden: «Wir sind nicht das beste Team der Geschichte, aber wir haben die beste Saison der Geschichte gespielt.» Der drittjüngste Meistercup-Gewinner in der 54-jährigen Historie des Wettbewerbs war sich Minuten nach dem grossen Erfolg aber noch nicht bewusst, was er mit dem souveränen 2:0-Sieg über Titelverteidiger Manchester United gleich bei seinem Trainerdebüt erreicht hatte. «Was soll ich sagen? Ich bin sehr glücklich. Ich muss das hier alles noch verarbeiten.» Für die Wertung der aussergewöhnlichen Leistung seines Jungtrainers war dann am späten Abend aber Barça-Präsident Joan Laporta zuständig: «Pep hat in dem einen Jahr ein geniales Team geformt. Der Spielstil hat Wurzeln in der Philosophie von Johan Cruyff, aber genauso hat er etwas Neues geschaffen.» Laporta ist glücklich, bei der Verpflichtung des Nachfolgers von Frank Rijkaard vor einem Jahr offensichtlich den richtigen Entscheid getroffen zu haben: «Wir haben einen Trainer, der das Team majestätisch managt, mit grosser Qualität und viel Talent.»

Zum Musterprofi geformt

Von Cruyff war Guardiola als 19-Jähriger zum intelligenten Spielgestalter vor der Abwehr und zum Musterprofi geformt worden. Der Holländer freute sich am Mittwoch nun aber auch, dass sein ehemaliger Schüler seine Spielideologie adaptiert hat. Cruyff dämpfte dann aber die allseits herrschende Euphorie, indem er bereits in die Zukunft blickte. Nun kämpfe Barcelona gegen den Fluch des Titelverteidigers. Sowohl in der Primera Division und im Cup, als auch in der Champions League, wo es noch keine Mannschaft geschafft hat, zweimal in Folge zu gewinnen. «Diese Barça-Mannschaft entzückt jeden, der sie sieht. Aber nächstes Jahr startet wieder jeder bei Null und der gesamte Mechanismus beginnt von vorne. Es wird ein schwieriges Jahr.»

Ideologie von Cruyff

Guardiola hat seiner Mannschaft einen Stil verpasst, der die ganze Welt begeistert und am Mittwoch mit Sir Alex Ferguson selbst den erfolgreichsten Klubtrainer weltweit vor unlösbare Rätsel stellte.

Die Ideologie des schönen Fussballs setzte sich durch, wie schon vor einem Jahr, als Spanien in Wien den EM-Titel mit Zauberfussball gewann. Barça exerzierte das, was Cruyff Guardiola vor vielen Jahren noch und noch gepredigt hatte. «Wenn du den Ball einmal berührst, spielst du sehr gut. Wenn du ihn zweimal berührst, spielst du mittelmässig. Wenn du ihn dreimal berührst, spielst du schlecht.» Barcelona gewann seinen dritten Titel in der Königsklasse in jenem Stadion, wo sein Trainer bis 2003 als Spieler der AS Roma tätig war. «Es freut mich enorm, die Champions League hier in Rom zu feiern. In Rom und in Brescia habe ich als Fussballer eine wunderbare Zeit erlebt. Die Erfahrung in Italien war fantastisch.»

Widmung für Maldini

Dennoch überraschte am Mittwoch Guardiolas euphorisierte Antwort, wem er diesen Sieg widmen möchte: «Ich widme ihn Paolo Maldini. Er verdient es, weil er für uns alle ein Beispiel ist. Maldini ist der beste europäische Spieler der letzten 20 Jahre. Ganz Europa mag ihn. Ich hoffe, dass Maldini seine Karriere doch noch fortsetzt und zu uns nach Barcelona wechselt.»

 
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8. April 2010, Neue Zürcher Zeitung

Der Floh springt immer höher

Der Barça-Spieler Messi trotz kindlichem Körperbau ein Weltstar

Wenn Lionel Messi seine Geschichte zeichnet, dann malt er sich als Kind in einem Dickicht voller langer Beine. Dass er den athletisch gewordenen Fussball dominieren kann, ist erstaunlich.

fcl. ⋅ «Ich rede durch den Ball», hat Lionel Messi in einem Interview einmal gesagt. Und was Messi am Dienstag im Camp Nou auf seine eigene Weise zu erzählen hatte, war so etwas wie ein Manifest des Fussballs. Er erzielte gegen Arsenal vier Tore und raste wie ein tiefergelegtes Sportauto über den Rasen, ganz nahe am Boden. Aber seine Füsse müssen nicht nur schnell, sondern auch sensibel sein, sonst kann man nicht solche Treffer erzielen.

Ein spezielles Röntgenbild

Das Publikum erhob sich von den Sitzen, sang seinen Namen und staunte, obwohl es Messi schon so oft für den FC Barcelona hat spielen sehen. Immer gehorchte der Ball seinen Füssen. Der ehemalige argentinische Nationalcoach Carlos Bilardo hatte einmal gesagt, wenn man Messi röntgen würde, könne man auf der Aufnahme vermutlich ein rundes Ding erkennen, das an seinem linken Fuss befestigt sei. Ein medizinisches Phänomen ist Messi tatsächlich. Messi ist bald 23 Jahre alt und offiziell 1 Meter 69 gross, aber er sieht eher noch kleiner aus. Und es war ein langer Kampf um jeden einzelnen Zentimeter.

Messi wuchs in Rosario auf, einer Industriestadt 250 Kilometer nördlich von Buenos Aires. Seine Grossmutter hatte ihn im Alter von fünf Jahren zum lokalen Klub Grandoli gebracht, und der dortige Trainer hatte Angst, ihn spielen zu lassen, weil er so zerbrechlich aussah. Der Coach stellte Messi nahe der Seitenlinie auf, damit sich die Grossmutter um ihn hätte kümmern können, falls ihm etwas zugestossen wäre und er zu weinen begonnen hätte. Das geschah nie. Doch im Alter von etwa zehn Jahren hörte Messi auf, grösser zu werden, die Wachstumshormone versagten.

Messi benötigte eine Hormonbehandlung, doch die war teuer. 500 Euro kostete eine Spritze, und Messi brauchte sie am Anfang jeden Tag. Die Eltern konnten sich diese Heilbehandlung nicht leisten. Der Vater war Fabrikarbeiter, die Mutter putzte in Teilzeitarbeit. Messi war 13 Jahre alt, als sich die Familie entschloss, der Wirtschaftskrise Argentiniens zu entfliehen und nach Barcelona überzusiedeln. 1 Meter 40 war Messi damals gross. Eine Papierserviette veränderte sein Leben. Fünfzehn Tage war er im Trainingslager Barcelonas, dann soll Messi seinen Namen auf diese Serviette geschrieben haben. Das mag eine Legende sein, aber fortan spielte er für Barça, das die Kosten seiner Behandlung übernahm. Als 17-Jähriger debütierte er im A-Team.

Es gibt diese Zeichnung, die eine Agentur Messi für eine Werbung einmal malen liess. Sie sollte seine Geschichte zeigen. Und Messi zeichnete sich als kleines Kind in einem Dickicht voller langer Beine. So sieht sich Messi immer noch, er ist ein Floh, so nennen sie ihn. Und das Erstaunlichste ist, dass er sich in dieser athletischen Fussballwelt mit dem kindlichen Körperbau durchsetzen kann. Einmal hat Messi eine perfekte Kopie jenes Tores erzielt, das Maradona an der WM 1986 gelang, als dieser über das halbe Feld lief und die gesamte englische Abwehr ausdribbelte. Das war schon damals aussergewöhnlich, Maradonas Treffer wurde zum «Tor des Jahrhunderts» gewählt. Aber dass eine solche Selbstinszenierung in der Neuzeit des Fussballs immer noch möglich ist, überrascht fast noch mehr.

Kein Pop-Star, aber steinreich

Die Geschichte ist voller Menschen, die ihre Kleinwüchsigkeit mit übergrossen Egos kompensieren. Messi gehört nicht dazu. Er lieferte dem Boulevard keine Negativschlagzeilen, er ist kein Pop-Star und fast erschreckend diskret. Das mögen sie bei Barça, auf gutes Benehmen legen sie in der Nachwuchs-Akademie La Masia Wert. «France Football» hat Messi zum bestverdienenden Fussballer des Jahres 2009 ausgerufen: 33 Millionen Euro soll er verdient haben. Sein Vertrag mit Barcelona wurde bis 2016 verlängert; dort ist eine Ablösesumme von 250 Millionen Euro festgeschrieben. Damit ist er faktisch unverkäuflich.


Fussballgott, Messias und eiliger Geist

Von Ian Hawkey, Barcelona* Aktualisiert am 11.06.2010

Lionel Messi ist die Dreifaltigkeit auf dem Rasen, der ab heute die Welt bedeutet. Der Stürmerstar von Barcelona soll Argentinien zum Weltmeister machen.

Ein Frühlingsabend im Stadion Camp Nou: Die Flutlichter lassen den Halbfinal der Copa del Rey zwischen Barcelona und Getafe erstrahlen. In einer der Kommentatorenboxen verfolgt Joaquim Maria Puyal das Spiel für Radio Catalunya. Seine Augen verschieben sich zur Mittellinie, als Barcelona den Ball zurückgewinnt: «Deco zu Xavi, Xavi zu Messi. Messi, Messi, Messi und weiter Messi, Messi, Messi.» Bis Puyal begeistert «Goal – Goal – Goal!» skandiert, hat er 18-mal ununterbrochen «Messi» gesagt, um das Vorpreschen von Lionel «Leo» Messi über 60 Meter Rasen hinweg und an sechs gegnerischen Spielern vorbei zu beschreiben.

Messi - Arsenal 4:1

Das Goal – «das Goal des Jahrhunderts», wie es die Zeitungen in Barcelona nennen – ist wahrscheinlich das meistbewunderte auf Youtube von den insgesamt 127 Goals, die Messi für den FC Barcelona geschossen hat. Manchmal glichen seine Tore schon fast Echos. Der Slalom, den er in der eigenen Spielhälfte begann und in den Strafraum von Getafe führte, auf eine Position knapp neben der rechten Seitenlinie, erinnerte an ein noch berühmteres Goal, das sein Landsmann Diego Maradona im WM-Viertelfinal gegen England vor 24 Jahren in Mexiko geschossen hatte. Darum wurde sein Goal zum Beweis genommen, dass der Fussball einen modernen Maradona gefunden hat, einen Spieler, der so gut ist, wie Maradona es in den 80er-Jahren war, so gut wie Johan Cruyff und Franz Beckenbauer in den 70ern und vergleichbar mit dem, was Pelé für den Fussball in den 60er-Jahren war und Alfredo di Stefano in den 50ern.

Messi war 19, als er das viel gepriesene Solo gegen Getafe zeigte. Er wird 23, wenn er jetzt mit der argentinischen Nationalmannschaft, die von Maradona gecoacht wird, an seiner zweiten Weltmeisterschaft teilnimmt. Er gilt als der herausragendste Spielers der letzten zwei Jahre. Vergangenes Jahr gewann er mit Barcelona die Champions League und wurde Weltfussballer des Jahres. Und seit Januar hat er für Barcelona mehrere Goals geschossen, die fast so hinreissend waren wie jenes gegen Getafe. Die Saison beendete er mit 34 Toren – in 35 Spielen – und dem Sieg seiner Mannschaft in Spaniens Primera División. Dreimal erzielte er Hattricks, drei Tore in einem Spiel, und in einem Match gegen Arsenal in der Champions League schoss er gleich vier Goals. Die abschliessenden Pässe, die er Teamkollegen in vielversprechender Position zuspielte, führten stets zum Tor. Messi war nie einfach ein Torjäger. Seine enge Ballkontrolle und seine Dribblings waren nie selbstverliebt oder prahlerisch. Er ist kein egoistischer Spieler.

Star ohne Allüren

Er zeigt auch keine Symptome persönlicher Eitelkeit. Messi ändert seinen Haarschnitt selten, und wenn er es tut, wählt er Schnitte, die seinen offenbar kaum zu bändigenden Schopf aus den Augen halten. Er hat ein nettes, mildes Gesicht, das schwach an den jungen Dustin Hoffman erinnert, aber er ist nicht attraktiv im klassischen Sinn. Sein Barcelona-Kollege Gerard Pique sagt: «Er mag auf den ersten Blick nicht der glamouröseste Kerl sein oder der charismatischste, aber wenn er den Ball am Fuss hat, ist er einzigartig. Das sieht man sofort. Was ich am meisten an ihm schätze, ist, dass er im Verlauf der Jahre, in denen er zum besten Spieler der Welt aufgestiegen ist, genau dieselbe Person geblieben ist, die ich schon als Junge kannte.»

Dieser Junge wurde in Rosario, Argentinien, am 24. Juni 1987 geboren. Sein Vater Jorge arbeitete in einer Fabrik, die Bestandteile für Autos herstellte; seine Mutter Celia kümmerte sich um dem Haushalt und jobbte Teilzeit als Putzkraft. Lionel, klein schon als Fünfjähriger für sein Alter, verliebte sich in den Fussball. Strassenspiele, Schüsse gegen die Gartenmauer – ständig stand er im Wettkampf mit seinem ältesten Bruder, Rodrigo, weniger mit seinem anderen Bruder, Matias, einem weniger sportlichen Jungen. Da Lionels Begeisterung ein bemerkenswertes Talent offenbarte, ermunterte Vater Jorge ihn auch. Und das tut Messi senior noch immer. Jorge verfolgt in Barcelona regelmässig das Morgentraining, ein Mann, der leicht als Messi zu erkennen ist am Kiefer und der prominenten Nase. Jorge Messi war von allem Anfang an so selbstlos wie fordernd, was die Fussballkarriere seines jüngsten Sohnes anbelangt: Einmal wurde er sogar von der Seitenlinie des Spielfelds entfernt, weil er seine Anweisungen zu laut gebrüllt hatte.

«Floh» unter grossen Tieren

Zu jenem Zeitpunkt hatte Lionel Messi bereits gelernt, für sich selbst einzustehen. An seinem ersten Schultag, so geht die Geschichte, wurde er von den anderen Kickern auf dem Sportplatz ausgeschlossen wegen seiner Grösse. Empört begab er sich trotzdem aufs Feld und dribbelte da so brillant, dass er von da an erste Wahl war für die Captains auf dem Platz. Sein Bruder Rodrigo verpasste ihm den Übernamen «Floh». Der Name blieb haften – und er fand schon bald Platz unter grösseren Tieren, in Mannschaften älterer Jungen, obwohl er sogar unter den Gleichaltrigen das kleinste Teammitglied gewesen war. Die Grösse blieb zwar eine Hürde, dennoch fielen seine Dribbelkünste professionellen Talentsuchern auf. Er kam zu den Junioren von Newell's Old Boys, jenem Verein, in dem Maradona seine Karriere beendet hatte. Sein Vater Jorge vermittelte ihm Zahlen und Fakten des Fussballs, sodass er schon bald die Aufstellungen wichtiger Spiele und die Statistiken grosser Spieler auswendig kannte.

Als ein Rekrutierer des berühmten Klubs River Plate aus Buenos Aires an der Taufe seiner Schwester, Marisol, auftauchte, spürte die Familie Messi, dass der Durchbruch bevorstand. Der elfjährige Leo reiste in die Hauptstadt für medizinische Tests. Eine Woche später wurde Vater Jorge im Hauptquartier von River Plate erklärt: «Ihr Sohn ist ein ausgezeichneter Spieler mit unglaublichem Talent. Aber es gibt ein Problem. Er leidet unter einem hormonellen Mangel und wird unseren Analysen zufolge nicht grösser als 1,40 m werden. Er hat schon fast zu wachsen aufgehört.»

Nur 1,32 m gross – mit elf

Es gebe dagegen eine Behandlung, sagten die Fussballfunktionäre Messi senior. Doch sie kostete 900 Dollar im Monat, Unkosten, die weder River Plate noch Newell's übernehmen wollten. Jorge und Celia Messi kämpften aber bereits damit, den Unterhalt ihrer sechsköpfigen Familie bestreiten zu können. Und die argentinische Wirtschaft befand sich zu jenem Zeitpunkt im freien Fall. Ein Albtraum. «Ich benötigte eine ärztliche Behandlung, die nicht warten konnte», erinnert sich Messi. «Ich war mit elf nur 1,32 m gross. Es musste etwas unternommen werden.»

Der Plan sah so aus: Die Familienersparnisse in Spritzen für Lionel umwandeln und Kontakte zu europäischen Klubs suchen, die vielleicht bereit wären, die Extrakosten für ein junges Ausnahmetalent zu übernehmen. Die Messis hatten Verwandte in Katalonien, so reisten Jorge und Leo hin und erreichten, dass er für ein Testspiel beim FC Barcelona empfohlen wurde.

Brillant und ausgesprochen mutig

Der Rest ist Geschichte. Bei seinem ersten Auftritt in einem viel zu grossen Barça-Shirt schoss er fünf Tore. «Dieser kleine Kerl mit langem Haar betrat die Garderobe und setzte sich neben mich», erinnert sich Cesc Fabregas, der heute für Spanien und Arsenal spielt, aber mit Messi und Pique zusammen im Juniorenteam von Barça gross geworden ist. «Er war sehr ruhig, aber schloss sich uns schon bald bei Computerspielen und dergleichen an. Auf dem Feld war er brillant und ausgesprochen mutig. Zu einem Cupfinalspiel bei den Junioren trat er mit einer Maske an, die ihn vor Gesichtsverletzungen schützen sollte. Aber die Maske störte ihn so sehr, dass er sie einfach abnahm, auf die Seite warf und zwei Goals machte.»

Die Wachstumshormone wirkten, auch wenn Messi mit 1,69 m noch immer ungewöhnlich klein ist für einen erfolgreichen Fussballprofi. Seit er in der ersten Mannschaft von Barcelona spielt – sein Debüt hatte er mit 16 –, hat er mit viel Arbeit die Muskulatur des Oberkörpers aufgebaut. Er scheint über die Muskelzerrungen hinweg zu sein, die ihn als Teenager regelmässig plagten. In der katalonischen Kapitale wird er auch psychologisch gut betreut. Für Paparazzi ist er ein frustrierendes Objekt, ein Vollprofi, der meist zu Hause bleibt und früh ins Bett geht. Für die Klatschmedien ist seine kindliche Hingabe an den Fussball, neben der wenig anderes Platz hat, ein uninteressantes Thema.

Der Stille und das Grossmaul

In Argentinien aber wird er als seltsam entrückter Superstar gesehen. Weil er die Heimat schon als Junge Richtung Spanien verlassen hat, ist seine Laufbahn von seinen Landsleuten nicht auf den Fussballplätzen von Buenos Aires, sondern im Fernsehen verfolgt und bewundert worden. Er war in der Nationalmannschaft bisher weit weniger effektiv als beim FC Barcelona. Und das bedeutet, dass er von einigen Argentiniern mit einem gewissen Argwohn betrachtet wird. Den Messi des Klubfussballs, Kataloniens kleinen Messias, in einen WM-Sieger zu verwandeln, ist eine Herausforderung für Messi selber wie für Maradona. Die beiden Männer mögen einander ähneln in der Art, Goals zu schiessen, aber von der Art her sind sie grundverschieden. Der eine ist zurückhaltend und scheu, der andere ein Grossmaul und nach Aufmerksamkeit heischend. Keine andere Beziehung wird in den kommenden Wochen schärfer beobachtet werden.

Übersetzung: mak

* Ian Hawkey ist Fussballkorrespondent der britischen «Sunday Times» in Spanien.

 

El Clasico : FC Barcelona beweist Einzigartigkeit

30.11.2010, Ronald Reng

Barcelona. Der FC Barcelona beweist beim berauschenden 5:0-Triumph im Klassiker gegen den Erzrivalen Real Madrid seine Einzigartigkeit.

Zum Tor sind es über 50 Meter, als Lionel Messi im kalten Nieselregen mit dem Fuß ausholt und sein Publikum daran erinnert, dass die Perfektion doch existiert.

Mit einem einzigen effetvollen 40-Meter-Pass hebelt Messi die gesamte Real-Abwehr aus, David Villa nimmt das Zuspiel auf, es wird das vierte Tor des FC Barcelona. Am Ende strecken Barças Spieler fünf Finger in der Luft. Una manita, ein Händchen, heißt in Spanien so ein Sieg. Barças 5:0-Sieg am Montag im Clasico, dem historischen Duell gegen Real Madrid, war so überwältigend schön, dass nur über Fußball geredet werden kann. Es war der Sieg des Wie: „Heute hat die Welt gesehen, wie wir gewinnen“, sagte Barças Trainer Pep Guardiola. Kein anderer Klub nimmt das Wie – seine Art zu spielen – so ernst. Gegen Real gab Barça seinem legendären endlosen Passspiel ein wahnwitziges Tempo. All die Tore von Xavi, Pedro, zweimal Villa und Jeffren hatten eines gemeinsam: ihre Entstehung, die Pässe, waren noch schöner als der Torschuss. Xavi spielte 120 Pässe. 115 kamen an.

Unbeweglich wie eine Wachsfigur saß derweil Reals Trainer José Mourinho auf der Bank. Seine Spieler rannten nur hinterher, die Nationalspieler Mesut Özil und Sami Khedira waren zwei beliebige Einzelschicksale in einem ohnmächtigen Verbund.

In seinen ersten vier Monaten in Madrid hat Mourinho die Elf mit dem besten Zeitgeistfußball geschaffen: im Grunde ist es Konterfußball, aber wenn es so technisch sauber wie bis Montag bei Real vorgetragen wird, wirkt es geradezu elegant. In 19 Pflichtspielen war Real ungeschlagen geblieben, sie haben weiterhin die Klasse, diese Saison jede Trophäe zu gewinnen. Doch das 0:5 wird eine grundsätzliche Niederlage bleiben. Real musste erkennen, dass sein ewiger Rivale über etwas verfügt, was es auch mit allen Siegen diese Saison nicht gewinnen wird: Einzigartigkeit.

„Barças Stil ist der schlechteste der Welt“, sagt Ricardo Moar, der Sportdirektor von Deportivo La Coruña und einst in Hannover tätig. Es ist das größte Kompliment: Praktisch keine Elf der Welt könnte mit diesem ewigen Pass-Spiel, mit dieser extremoffensiven Taktik Erfolg haben.

Nur Barça selbst. Diese Elf zeigte unzählige große Spiele, 6:2 in Madrid, 4:0 gegen Bayern München, 8:0 in Almería, und doch war das 5:0 vom Montag etwas Neues; etwas, von dem man dachte, es gebe es nicht. Das perfekte Spiel. Perfektion ist ein Zustand, der sich nicht verbessern lässt.

 

Der FC Barcelona hat die beste Nachwuchsschule der Welt, am Montag erhält ein Absolvent den Goldenen Ball

Ein Riese und seine vielen Zwerge

Von Oliver Lück (8.1.2011)
 

Barcelona. Wenn Männer wie Albert Benaiges Trainingsanzüge tragen, sieht das nicht sportlich aus – es sieht gemütlich aus. Seiner ist himmelblau. Benaiges wiegt sicher 120 Kilogramm, Schuhgröße 47, er hat riesige Hände und einen Handschlag, den man nie wieder vergisst.

Der Klingelton seines Mobiltelefons passt zu ihm, es ist die Hupe eines Lastwagens. Der Mann mit den silbergrauen Haaren trägt einen wuchtigen Bauch vor sich her. Albert Benaiges ist eine Respektsperson, kein Zweifel. Und er ist eine Art Vaterfigur beim FC Barcelona, dem derzeit besten Klub der Welt.

Dort leitet er die Ausbildung der jüngeren Talente, der Sieben- bis 15-Jährigen. Bei 14 Mannschaften sind das über 200 Kinder und Jugendliche. Und jeder der Spieler begrüßt ihn persönlich, jeden Tag muss der 54-Jährige viele Hände schütteln.

Seit mittlerweile 18 Jahren ist Albert Benaiges als einer von drei Koordinatoren für die Jugend Barças verantwortlich. Er hat sie alle aufwachsen sehen, die heutigen Superstars: Andrés Iniesta, Xavi Hernández, Gerard Piqué, Víctor Valdés, Carles Puyol, Sergi Busquets, Bojan Krkic, Lionel Messi und auch den aktuellen Trainer der ersten Mannschaft, Josep Guardiola. Im derzeitigen Aufgebot des spanischen Meisters stehen nicht weniger als zehn Spieler, die in den eigenen Jugendteams ausgebildet wurden. Das ist die Hälfte des Kaders. "Manch einer glaubt, wir haben die beste Nachwuchsförderung der Welt", sagt Benaiges. Dann grinst er und freut sich wie ein Kind: "Ich glaube das auch."

Albert Benaiges zeigt den kleinen Finger seiner rechten Hand. "Die sind ja alle nur so klein." Jetzt spricht er von den besten Fußballern der Welt: Xavi Hernández (1,70 Meter), Andrés Iniesta (1,70) und Lionel Messi (1,69). "Alles Zwerge", sagt Benaiges, "doch es spielt ja gar keine Rolle, wie groß oder klein einer ist. Wichtig sind nur seine Fähigkeiten auf dem Platz." Wenn die drei kleinen Männer am Montag gemeinsam zur Vergabe des Goldenen Balls nach Zürich fliegen, wird nicht bloß der beste Spieler des Jahres 2010, sondern vor allem das beste Ausbildungssystem geehrt. "Ein großer Tag für unseren Klub", weiß Benaiges, "wir scheinen vieles richtig zu machen."

Höchste Präzision beim Kurzpassspiel

Weder Messi, Iniesta noch Xavi haben jemals bei einem anderen Verein als Profi gespielt. Xavi ist seit Mittwoch sogar alleiniger Vereins-Rekordhalter mit 550 Pflichspielen für Barcelona. Die drei stehen stellvertretend für den aufregendsten Fußball der vergangenen Jahren. Lange hohe Bälle gibt es nicht, sämtliche Angriffe laufen mit hoher Passgenauigkeit durch das Mittelfeld. Der Gegner wird einfach überspielt. Und Xavi, Iniesta und Messi sind die Chefentwickler der zum Teil irrsinnigen Kurzpasskombinationen des FC Barcelona.

"Messi war schon immer der Beste, auch damals, als er als 13-Jähriger zu uns kam", erinnert sich Albert Benaiges, "niemand konnte ihn stoppen. Im Grunde spielt er heute noch wie damals – immer Richtung Tor." Seine fehlende Größe habe er schon immer durch seine brillante Technik und seinen Willen wettgemacht.

"Vor allen anderen Eigenschaften, die einen guten Fußballer auszeichnen sollten, fördern wir aber vor allem seine Kreativität", sagt Albert Benaiges, "unsere Philosophie ist es, auf junge Spieler zu bauen und ihnen früh Verantwortung zu geben." Wie konsequent der Klub diesen Weg verfolgt, demonstriert Jahr für Jahr die zweite Mannschaft, die in der zweiten spanischen Liga spielt. Bei Barça B herrscht ein Überfluss an Talenten mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Mit dem 19-jährigen Thiago Alcántara und den drei 18-jährigen Sergi Robert, Marc Muniesa und Sergi Gómez spielen dort schon jetzt vier weitere Talente, denen der Sprung in die erste Mannschaft bald zugetraut wird.

Am Rande der Stadt trainieren die Talente

Wer die Zukunft des FC Barcelona sehen will, muss an den Stadtrand fahren. Nimmt man eine der breiten Ausfallstraße nach Nordwesten, vorbei an der Universität und den Bürogebäuden, tauchen nach fünf Kilometern über 20 Flutlichtmasten den Vorort Sant Joan Despí in ein kaltes Licht. Gleich neben der Autobahn nach Saragossa, in der Peripherie der 1,6-Millionen-Stadt, hat sich der Klub für 68 Millionen Euro ein Ausbildungszentrum bauen lassen.

Eine kleine Sportstadt mit fünf Rasen- und vier Kunstrasenplätzen. Viel Stahl, viel Beton, viel Glas. Das Gebäude, das neben einer Sporthalle auch Umkleide- und Fitnessräume beherbergt, ist nicht schön, aber funktionell. Unbefugten und Hunden ist der Zutritt verboten. Denn hier implantieren 40 Trainer dem Nachwuchs das Barça-Gen: endloser Kombinationsfußball, betontes Flügelspiel, frühzeitiges Pressing.

Der Fußball ist bei jeder Übung dabei

Schon die Kleinsten spielen im stets offensiv ausgerichteten System der Profis mit Viererabwehrkette, drei Mittelfeldspielern und drei Angreifern. Kein Krafttraining oder Ausdauerläufe. "Alle Übungen immer mit Ball", sagt Albert Benaiges. Dann schiebt er Wasserflaschen und Kaffeebecher auf einem Tisch hin und her. Er erklärt Spielzüge und Laufwege. Jedes seiner Worte klingt wie fett gedruckt, als halte er gerade die Teamansprache vor einem wichtigen Spiel. "Doch wir trainieren hier nicht bloß Fußballer, sondern vor allem Menschen", betont er und hebt den Zeigefinger, "wenn sich einer schlecht benimmt oder die Schule schwänzt, spielt er nicht. Bei uns hebt keiner ab."

Diese Einstellung würden auch Messi, Iniesta und Xavi mit ihrer stets zurückhaltenden Art repräsentieren. "Das sind die besten der Welt, aber Stars wollen die gar nicht sein", meint Benaiges. Alle drei seien trotz der Erfolge bescheiden geblieben. "Das sind klare Köpfe, die auch nicht vergessen werden, wo sie groß geworden sind." Heute noch schaut Andrés Iniesta regelmäßig im Nachwuchszentrum vorbei oder fragt telefonisch bei seinem früheren Trainern nach dem Befinden. Auch zu Xavi hat Albert Benaiges nach wie vor Kontakt, manchmal gehen sie gemeinsam essen. "Einmal", erzählt er, "sie werden es mir vielleicht nicht glauben, habe ich dabei einen dunkelblauen Abendanzug und braune Lackschuhe getragen." Dann winkt der Riese ab und zeigt sein breites Grinsen: "Ich weiß, mein Trainingsanzug steht mir besser."

Wissen: Fifa Ballon D’Or

Der Goldene Ball wurde erstmals 1956 für den besten Spieler Europas durch die französische Fußballzeitschrift "France Football" vergeben. Erster Preisträger, gewählt von einer Journalisten-Jury, war Stanley Matthews.

Erst seit 1991 vergibt auch der Weltverband Fifa eine entsprechende Auszeichnung und ließ Teamchefs aus aller Welt den Weltfußballer des Jahres küren. Allerdings erreichte diese Ehrung nie den Stellenwert des "Ballon D’Or", des Goldenen Balls.

Vor 15 Jahren wurde der Preis auch für in Europa spielende Nicht-Europäer geöffnet, im selben Jahr siegte George Weah aus Liberia. Aktueller Titelträger ist Lionel Messi.

Obwohl die Fifa-Ehrung offener war, gewann doch nie ein Spieler, der nicht in Europa spielte, vor einem Jahr wurde ebenfalls Messi ausgezeichnet. Nach jahrelangen Streitigkeiten einigten sich in diesem Jahr Fifa und "France Football" darauf, künftig nur einen Preis zu vergeben: den Fifa Ballon D’Or.

Schliesslich war es wieder Messi, welcher die Trophäe etwas überrascht entgegennehmen konnte. Wir gratulieren ihm, natürlich aber auch Xavi und Iniesta, die auch einen grossen Anteil für den Erfolg von Messi beanspruchen können.

Lionel Messi

Geboren 24. 6. 1987 in Rosario (Arg).

Grösste Erfolge: Nationalteam Argentinien: U-20-Weltmeister 2005, Olympiasieger 2008.

FC Barcelona: Sieger Champions League 2006, 2009. – Spanischer Meister 2005, 2006, 2009, 2010. – Klubweltmeister 2009.

Weitere Auszeichnungen: Bester Spieler und Torschützenkönig U-20-WM 2005 (6 Tore). – Europas Fussballer des Jahres 2009. – Weltfussballer des Jahres 2009,2010. – Torschützenkönig Champions League 2009 (9 Tore / in der laufenden Champions League bisher 8 Tore).


Barça hat die Macht

Von Peter Ahrens - Spiegel    04.05.2011

Der FC Barcelona zieht ins Endspiel ein, Real ist wieder einmal am großen Ziel gescheitert: Das Halbfinale der Champions League hat die Kräfteverhältnisse im spanischen Fußball gnadenlos klargemacht. Die Madrilenen zeigten sich erneut als schlechter Verlierer. 

Für Real-Trainer José Mourinho ist es sicher schwer einzusehen, aber: Am Schiedsrichter lag es diesmal wirklich nicht, dass Real Madrid in der Champions League gescheitert ist. Der belgische Referee Frank de Bleeckere tat im Halbfinal-Rückspiel der europäischen Königsklasse zwischen den spanischen Rivalen FC Barcelona und Real Madrid sein Mögliches, um jeglichen Verdacht der Parteinahme zugunsten der Katalanen zu zerstreuen. Mehrfach wandelten Real-Spieler am Rande des Platzverweises, aber de Bleeckere war gnädig. Madrid ist nach dem 1:1 (0:0), gleichbedeutend mit dem Ausscheiden, gestraft genug.

Mourinho, der noch nach dem Hinspiel Gott, die Uefa und die Welt für die hochverdiente 0:2-Heimniederlage seines Teams verantwortlich gemacht hatte, gab sich diesmal mucksmäuschenstill. Mehr noch: Der Portugiese, nach den Vorfällen aus dem Hinspiel ohnehin gesperrt, war überhaupt nicht im Stadion, sondern schaute sich die Partie vor dem hoteleigenen Fernseher an.

Mourinhos Rolle übernahm dafür nahtlos sein Landsmann, Real-Stürmerstar Cristiano Ronaldo: "Barcelona wird gut geschützt. Im nächsten Jahr sollten sie ihnen den Pokal direkt geben", übte er sich nach der Partie ebenfalls in der Kunst der Verschwörungstheorie. Er hatte dabei eine Szene vor Augen, als der Schiedsrichter ein Tor Reals wegen eines angeblichen Foulspiels vorzeitig abpfiff. Das war aber nicht mehr als ein schwacher Versuch Ronaldos, die eigene dürftige Vorstellung in diesen zwei Halbfinals zu bemänteln.

Machtverhältnisse im spanischen Fußball demonstriert

Viermal haben Madrid und Barcelona in den vergangenen 17 Tagen gegeneinander gespielt, zweimal in der Champions League, je einmal in Liga und Pokal. Zweimal ging es Unentschieden aus, einmal siegte Real, einmal Barcelona. Die nackte Statistik gaukelt ein Duell zweier gleichwertiger Teams vor. Aber der Abschluss dieser Serie, das Aufeinandertreffen an diesem regnerischen Dienstagabend im Stadion Camp Nou, zeigte die aktuellen Machtverhältnisse im spanischen Fußball noch einmal ganz deutlich auf. Barcelona ist die Nummer eins, dann kommt lange nichts, dann Real Madrid.

Schon nach der ersten Halbzeit stand das Torschussverhältnis der beiden Rivalen bei 8:0 zugunsten Barcelonas. Lediglich Real-Keeper Iker Casillas in Manuel-Neuer-Gedächtnis-Form sorgte dafür, dass es zum Erstaunen aller Beobachter zur Halbzeit noch 0:0 stand. Nach etwa 20 Minuten Aufwärmzeit hatte Barcelona den Turbo angeworfen und Torgelegenheiten im Minutentakt kreiert. Belohnt wurde dieses Anrennen allerdings erst in der 55. Minute durch Pedros Führungstreffer. Marcelo nutzte in der 65. Minute Reals erste echte Torchance zum 1:1-Endstand.

Wer den FC Barcelona nicht mag, bringt dafür gerne zwei Argumente. Zum einen heißt es dann gewöhnlich, das Kurzpassspiel der Elf von Trainer Josep Guardiola erfülle den Tatbestand der Langeweile. Gefühlt minutenlang schieben sich die Blau-Roten den Ball in den eigenen Reihen zu, ohne dass ein gegnerisches Team die Gelegenheit bekommt, einzugreifen. Das mag man langweilig nennen. Perfektion ist eben langweilig.

Messi ist viel, aber er ist nicht alles

Das zweite Argument: Barcelona ist nichts ohne Lionel Messi. Es ist sicher kein Wettbewerbsnachteil, den besten Fußballer der Welt in seinen Reihen zu haben. Aber wer Barça auf Messi verengt, ignoriert letztlich das System Barcelona. Ein System, das die einmaligen Fähigkeiten des Argentiniers in seine Struktur einbaut, ohne sich allein auf sie zu verlassen.

Real Madrid hatte in 180 Minuten Champions-League-Duell mit Barcelona generös geschätzt insgesamt zwei Tormöglichkeiten - und das, obwohl im Rückspiel mit Gonzalo Higuaín, Kaká und Cristiano Ronaldo drei der besten Angreifer der Welt bei Real auf dem Platz standen. Das ist nicht das Verdienst Messis, sondern einer überragenden Defensive der beiden ungleichen Verteidiger-Hünen Gerard Piqué und Carles Puyol.

Dazu kommt der wuchtige Außenverteidiger Dani Alves, der spielintelligente Schlussmann Victor Valdes und der dynamische Abräumer Sergio Busquets. Davor ziehen Xavi und Iniesta im Mittelfeld das Spiel auf, im Angriff rochieren Jungstar Pedro und David Villa. Eine solche Mannschaft hätte auch ohne Messi alle Chancen, die Champions League zu gewinnen.

Für Mourinho wird es unangenehm

Barcelona steht jetzt zum dritten Mal innerhalb von sechs Jahren im Endspiel der Königsklasse. Real dagegen wartet jetzt seit neun Jahren darauf, in ein solch großes europäisches Finale einzuziehen. Mourinho ist damals vor allem geholt worden, um Real endlich wieder an die Spitze Europas zu bringen - dahin, wohin der Club nach seinem Selbstverständnis gehört.

Nun wird der mächtige Präsident und Bau-Multimillionär Florentino Pérez zusehen müssen, wie trotz aller Investitionen, die er in den Verein gepumpt hat, doch der verhasste FC Barcelona die Chance erhält, die Trophäe zu gewinnen. In der Meisterschaft liegt Real zudem acht Punkte hinter Barça - das ist kurz vor Saisonende uneinholbar.

Beim FC Chelsea hat es einst dem mächtigen Geldgeber Roman Abramowitsch irgendwann gereicht, nachdem Mourinho es nicht gelungen war, all die russischen Öl-Millionen des Sponsors für einen Champions-League-Sieg des Vereins zu nutzen. Der Trainer musste gehen. Pérez ist nicht dafür bekannt, sehr viel geduldiger zu sein als Abramowitsch. Zudem mehrten sich zuletzt die Anzeichen, dass Mourinho selbst nicht mehr die große Lust ausstrahlt, noch lange in Madrid zu wirken.

So freigiebig wie Abramowitsch und Pérez in den vergangenen Jahren ist derzeit nur Mansur Bin Sajid. Der Scheich aus Abu Dhabi hat Manchester City bislang mit geschätzten 450 Millionen Euro gemästet. Manchester City ist der reichste Club der Welt und liegt dennoch in der Tabelle der Premier League nur auf Platz vier. Der Verein dürstet nach Erfolg.

Ein Club wie geschaffen für José Mourinho.


 

Messi über das Geheimnis seines Erfolgs

Von Oscar Rodriguez, Barcelona. Erstellt: 17.05.2011, 10:54 Uhr

Lionel Messi ist der beste Fussballer der Welt. Er steht nach dem 5. Meistertitel mit Barcelona vor dem 3. Champions-League-Final. Und erklärt, warum er zurzeit so viele Tore schiesst.

Messi und der Ball: In 54 Wettbewerbsspielen dieser Saison erzielte der 23-jährige Argentinier für den FC Barcelona 52 Tore.
Bild: Keystone

Lionel Messi

Geboren am 24. Juni 1987 im argentinischen Rosario, zog Lionel Messi zusammen mit seiner Familie als 13-Jähriger nach Spanien. Der Stürmer litt an Wachstumsstörungen, der FC Barcelona war von seinem Talent so angetan, dass er sich im Gegensatz zu argentinischen Grossklubs bereit erklärte, die Kosten für die nötige Hormontherapie zu übernehmen. Messi wurde trotzdem nicht grösser als 1,69 m, debütierte aber mit 17 in der Primera División, gewann seither fünf Meistertitel und zweimal die Champions League. In den vergangenen zwei Jahren wurde er ausserdem mit dem Ballon d’Or für den weltbesten Spieler ausgezeichnet.

Lionel Messi, Sie haben mit dem FC Barcelona vorzeitig die spanische Meisterschaft gewonnen. Sind Sie erleichtert, dass Sie sich nun auf den Champions-League-Final vom 28. Mai konzentrieren können?
Es ist immer gut, vor der letzten Runde Meister zu sein, ob nun noch ein Champions-League-Final folgt oder nicht. Du willst nicht nervös sein, auf den letzten Match warten und möglicherweise auch noch von anderen Resultaten abhängig sein. Dass wir erneut und zwei Runden vor Schluss Meister wurden, beweist unsere Stärke. Doch natürlich ist es auch schön, an diesen Final zu denken, auf den wir jetzt alle blicken.

Einige Leute finden, der Halbfinal zwischen Barcelona und Real Madrid sei das eigentliche Endspiel gewesen. Hätten Sie im Final lieber gegen Real gespielt?
Der Gegner ist für mich gar nicht so wichtig. Trotzdem finde ich, dass es eine Art Traumfinal ist, wenn wir auf Manchester United treffen. Die United ist das einzige Team, das derzeit unser Niveau erreichen kann. Sie ist stark, und sie wird nicht versuchen, unser Spiel zu zerstören, wie das Real getan hat. Manchester will sein eigenes Spiel machen, und ich bin überzeugt davon, dass es deshalb einen vorzüglichen Final geben wird.

Ist es für die United ein Vorteil, dass der Final in London stattfindet?
Sie wird vielleicht ein paar Fans mehr haben, weil das eigentlich neutrale Publikum eher für Manchester sein wird, doch das wird keinen grossen Einfluss auf den Ausgang der Partie haben. Wir richten unser System nicht darauf aus, ob wir zu Hause oder auswärts spielen.

Sie haben schon in vielen Ländern Tore erzielt, aber noch nie auf englischem Boden. Ist der Final eine Chance für Sie?
Stimmt es wirklich, dass ich in England noch nie getroffen habe? Lassen Sie mich darüber nachdenken … Ja, Sie liegen richtig. Ich habe bisher nie darüber nachgedacht und glaube auch, dass es Zufall ist. Ich werde im Wembley alles dafür unternehmen, ein Tor zu erzielen. Aber Sie kennen mich: Wenn wir den Pokal gewinnen, interessiert es mich nicht, wer die Tore erzielt hat.

Es ist Ihr dritter Champions-League-Final. Ist er so speziell wie der erste?
Ich glaube schon. Die Champions League ist der wichtigste Wettbewerb neben der WM. Es sind die weltweit besten Spieler dabei. Ich habe grosse Erwartungen an diesen Final, weil ich glaube, dass beide Teams ohne taktische Fesseln spielen.

Wie schätzen Sie Manchester ein?
Ich sehe viel Potenzial in dieser Mannschaft. Sie war stark in der Premier League und gewann den Titel. Ich habe in der Champions League ein paar Spiele von ihr gesehen, es war sehr überzeugend, wie sie im Halbfinal Schalke besiegte (mit einem 2:0 auswärts und einem 4:1 im Rückspiel). Du musst dabei im Kopf haben, dass sich Schalke gegen Valencia und Inter für den Halbfinal qualifizierte, dann aber gegen Manchester United nicht den Hauch einer Chance hatte. Das sagt viel über die Kraft dieses Teams, über die Qualität der Spieler.

Wer gefällt Ihnen am besten?
Wer gefällt mir nicht? Manchester ist wie wir auf jeder Position gut besetzt.

Javier «Chicharito» Hernandez wechselte für weniger als 10 Millionen Euro aus Mexiko zu Manchester. Er hat in seiner ersten Saison 13 Tore in der Liga und 4 in der Champions League erzielt. Sind Sie von seiner Entwicklung überrascht?
Er ist sicher einer der Gründe, weshalb es der United in dieser Saison so gut läuft. Ich muss gestehen, dass ich vorher nicht viel über ihn gewusst habe, also kann man wohl sagen, dass ihm nun der Durchbruch gelungen ist. Er hat grosses Potenzial, und es könnte sich lohnen, seinen Weg zu verfolgen.

Gibt es Spieler bei Manchester, die es auch beim FC Barcelona in die Mannschaft schaffen würden?
Hernandez könnte zu uns passen. Er spricht Spanisch und hat einen grossartigen Stil. Es ist schwierig vorauszusehen, was er im Zweikampf als Nächstes tut, und gerade das sehen wir als Stärke unserer Mannschaft. Ich bin sicher, dass sowohl unser Management wie auch die Führung von Real Madrid solche Spieler beobachtet. Wayne Rooney wäre ebenfalls denkbar. Er spielt seit jüngsten Jahren auf höchstem Niveau (der 25-jährige Rooney debütierte für Everton mit 16 in der Premier League und ist nun seit 7 Jahren bei der United). Ich bin sicher, dass er seinen Stil innert kürzester Zeit den spanischen Verhältnissen anpassen könnte.

Wie schätzen Sie Trainer Alex Ferguson ein, der seit 1986 unter anderem 12 Meistertitel und zweimal die Champions League gewonnen hat?
Ich habe grössten Respekt vor seiner Arbeit. Du musst ein grossartiger Coach und eine aussergewöhnliche Person sein, wenn es dir gelingt, in demselben Klub immer wieder Titel zu gewinnen, Spieler und auch Spielstile weiterzuentwickeln. Für mich ist Josep Guardiola der beste junge Fussballtrainer, und Ferguson ist zweifellos der beste der älteren Generation. (Barça-Trainer Guardiola ist 40-jährig, Ferguson wird Ende Jahr 70.)

Sie sind 23-jährig, haben fünfmal die spanische Meisterschaft gewonnen und können jetzt den dritten Champions-League-Sieg holen. Wie viele Titel sollen es in Ihrer Karriere überhaupt werden?
Die einfache Antwort ist: so viele wie möglich. Es ist allerdings nicht so, dass ich zu Hause sitzen und die Jahre zählen würde, die mir noch bleiben als Profi, und wie viele Titel ich bis dahin gewinnen sollte. Ich schaue gar nicht so weit in die Zukunft, sondern geniesse es nur, in diesem wunderbaren Team meines Lieblingsvereins zu sein.

Sie haben vor zwei Jahren 38, dann 47 und nun erstmals über 50 Tore in einer Saison erzielt. Was haben Sie an Ihrem Spiel verändert, um auf so viele Treffer zu kommen?
Ich bin älter und erfahrener geworden. Viele Situationen auf dem Rasen habe ich schon einmal erlebt, und davon profitiere ich: Ich treffe klügere Entscheidungen. Ich weiss, wozu ich fähig bin, und das macht eine Menge aus. Dazu spiele ich mit einem riesigen Selbstvertrauen. Während eines Spiels habe ich verrückte Ideen im Kopf und bin mutig genug, diese Ideen auch umzusetzen.

Haben Sie eine Meinung, wer der Beste ist in der Geschichte: Pelé, Maradona oder Sie?
Ich weiss nicht, ob ich schon so weit oben stehe wie Pelé und Maradona. Beide waren grossartige Spieler und haben auch mit der Nationalmannschaft so viel gewonnen, das fehlt mir. Dazu kommt, dass es kaum möglich ist, Spieler aus den verschiedenen Zeitaltern des Fussballs miteinander zu vergleichen. Ich habe nicht die Ambition, die Leute einmal sagen zu hören: «Lionel Messi war der Beste der Geschichte.» Wenn ich in 50 Jahren in Erinnerung bin als wichtiger Spieler dieser fantastischen Barça-Mannschaft, bin ich sehr stolz.

Sind Sie überrascht, dass es nicht nur Ihnen, sondern auch Cristiano Ronaldo gelungen ist, so viele Tore zu erzielen in Meisterschaft und Cupwettbewerben dieser Saison?
Ich bin äusserst beeindruckt von Ronaldos Leistungen. Er hat Real Madrid an der Spitze der Liga gehalten und hätte es verdient gehabt, in einem offensiver ausgerichteten Team die Clásicos gegen uns zu spielen. Sein Endspurt mit zuletzt sieben Toren innert vier Tagen hat mich verblüfft, weil ich dachte, ich könnte den Pichichi gewinnen (so heisst die Trophäe für den Torschützenkönig der Primera División). Aber mit so vielen Toren verdient er den Titel. (Ronaldo hat eine Runde vor Schluss 39 Ligatore erzielt, Messi 31.)

Ist das aktuelle Barça-Team das stärkste, in dem Sie je gespielt haben?
Ja, ganz sicher. Viele Spieler sind zwar schon seit Jahren dabei, aber wir sind alle älter und erfahrener. Wir haben den besten Trainer, weil Guardiola so loyal zum Klub ist wie die Spieler aus der Nachwuchsakademie. Er tut immer das, was am besten für den Verein ist und nicht für ihn selbst. Er steht als Symbol dafür, wie Barcelona spielen und sich benehmen will.

Wird es für diese Mannschaft jemals Rückschläge ohne Titelgewinne in einer Saison geben?
Es ist unmöglich, eine Zukunftsprognose zu stellen. Beachten Sie aber bitte, dass der FC Barcelona seinen Erfolg sorgfältig aufgebaut hat. Was wir jetzt haben, ist das Resultat jahrelanger harter Arbeit in der Nachwuchsakademie, aber auch auf dem Transfermarkt mit den richtigen Zuzügen. Ich glaube, dass unsere Titelgewinne höchst verdient sind, und denke auch, dass dieses Team auf Jahre hinaus keine Rückschläge erleiden wird.


30. Mai 2011

Der mysteriöse Barça-Code

Manchester United kann Barcelonas Spiel nicht entschlüsseln und verliert den Champions-League-Final 1:3

Der FC Barcelona ist das Team des 21. Jahrhunderts. Barça hat das Spiel revolutioniert und seit 2006 drei Champions-League-Titel gewonnen. Gibt es solche Vorbilder, kann die Zukunft des Fussballs nicht schlecht sein.

Flurin Clalüna, London

Es ist kein Betriebsgeheimnis, wie der FC Barcelona spielt, Barça ist eine gläserne Mannschaft, aber wie man sie aufhalten kann, versteht dennoch niemand. Selbst Sir Alex Ferguson nicht, der Manager von Manchester United, der seit mehr als drei Jahrzehnten im Geschäft ist und sich nächtelang den Kopf zerbrochen hatte. Er hätte eine Dechiffrier-Maschine gebraucht, um den Code zu entschlüsseln, aber Barça ist ein Pass-Karussell, das jeden Gegner abwirft.

5 Fouls, 772 Pässe

«Der FC Barcelona ist das beste Team, dem ich mich als Trainer je gegenübersah», sagte Ferguson nach dem 1:3 im Champions-League-Final, «keine Mannschaft hat uns je mehr den Hintern versohlt als Barcelona an diesem Samstag.» Barça habe den Sieg verdient, weil dieses Team in der «richtigen Art und Weise» Fussball spiele. Ferguson sagte es ohne Scham und Missgunst.

Es war ein Abend voller Anstand und Respekt im Wembley-Stadion, ganz anders als der Halbfinal gegen Real Madrid, als dem Trainer José Mourinho nichts anderes eingefallen war, als zu provozieren wie ein Fussball-Rowdy und Barça in einen Hinterhalt zu locken. Mit Inter war Mourinho das im letzten Jahr gelungen, aber er hatte damit das Spiel sinnentleert.

 Selbst United-Fans applaudierten am Samstag am Ende; dieses Barça-Team kann man nicht auspfeifen, ohne die Bewunderung zum Fussball zu verraten. Nur 5 Fouls beging der FC Barcelona in der ganzen Partie, er spielte 772 Pässe an diesem Abend, fast doppelt so viele wie ManU, und 86 Prozent seiner Zuspiele kamen an. Bei Xavi, dem Regisseur, waren es 91 Prozent, obwohl niemand mehr Pässe spielte als er. Barça hat diesen unwiderstehlichen Instinkt, immer zu wissen, wo der Mitspieler steht.

Wie sich der FC Barcelona verhält, ist ein Plädoyer für den Kurzpass, es lässt den langen Ball und das reine Kampfspiel so altmodisch aussehen, als dürfe sich gar niemand mehr erlauben, so verstaubt zu spielen. Es ist das Spiel des 21. Jahrhunderts, die Katalanen haben es revolutioniert, und nur schon deshalb gehört Barça zu den inspirierendsten Teams, die es je gegeben hat. Die drei Champions-League-Titel in den letzten fünf Jahren sind nur der offensichtlichste Beweis dafür.

Für den Barcelona-Trainer Josep Guardiola zählt anderes. Er sagte: «Die Art und Weise, wie wir am Samstag gewonnen haben, macht mich am meisten stolz.» Barça unterscheidet sich von anderen sinnstiftenden Mannschaften der Fussballgeschichte dadurch, dass sich der Einfluss nicht auf den eigenen Klub beschränkt. Der FC Barcelona färbte auf das spanische Nationalteam ab, und das macht das Barça-System so besonders.

Manchester United hatte ein paar wenige Momente des Widerstands, Wayne Rooney traf zum 1:1, aber am Ende lag eine Felsenschlucht zwischen den beiden Mannschaften, die viel grösser war, als ManU befürchtet hatte. Und wenn sogar ein grosses Team wie Manchester United, das mehr als ein Jahr in Europa ungeschlagen war, kein Antiserum gegen den FC Barcelona hat, wer soll dann sonst ein taugliches Gegenmittel finden können?

Messis weltfremde Zukunft

Der FC Barcelona hat sich fast unantastbar gemacht, er war noch besser als 2009 im Final von Rom gegen den gleichen Gegner, als er 2:0 gewann. Und er hat eine selber ausgebildete Spielergeneration, die noch lange nicht am Karrierenende ist. Carles Puyol und Xavi sind über 30 Jahre alt, aber Lionel Messi ist erst 23; er kann noch besser werden, obwohl das weltfremd erscheint, nur schon weil seine 53 Tore in dieser Saison so eindrücklich sind und seine Auftritte sowieso. Am Samstag traf er wieder, genauso wie die Stürmerkollegen Pedro und David Villa.

Wie Barça eigene Spieler erzeugt, ist beeindruckend, aber diese Generation ist vermutlich einzigartig, weil selbst eine Talentfabrik wie das Ausbildungszentrum La Masía nicht immer solche Fussballer wie Messi, Xavi oder Andres Iniesta reproduzieren kann.

In der Trainerbranche gibt es jetzt immer mehr «Guardiolistas», Ausbildner, die sich von Guardiolas Arbeit einnehmen lassen. Und dabei ist der 40-jährige Chefcoach nur der erfolgreichste Trainer einer jungen Generation, die dem Fussball die Richtung weist. In Deutschland wurde Borussia Dortmund mit dem 43-jährigen Jürgen Klopp Meister. Die AC Milan gewann den Titel mit Massimiliano Allegri, der gleich alt ist.

André Villas-Boas, der mit dem FC Porto in der Meisterschaft ungeschlagen blieb und die Europa League gewann, ist noch zehn Jahre jünger. Und der 41-jährige Holländer Frank de Boer wurde mit Ajax nach sieben Jahren wieder Champion und sagte kürzlich: «An Guardiola habe ich mich orientiert, an ihm habe ich mir ein Beispiel genommen.» Die Zukunft des Fussballs kann nicht schlecht sein, wenn es solche Vorbilder gibt.


 Mittwoch, 17.08.11 (Quelle "barça99")
 

La Masia - Philisophie und Nachwuchsarbeit

 

Fabricada en casa La Masia: Bewegungskünstler und Ball-Artisten - hausgemacht

La Masia, dieses eine alte Bauernhaus, das als „Spezialität des Hauses“ Europameister, Champions-League-Sieger und Weltmeister auf dem grünen Rasen serviert, ist die hauseigene Nachwuchsakademie von Barça.

Seit 1979 trainieren die Nachwuchstalente der Jugendmannschaften des FC Barcelona in dem historischen Gebäude in der Nähe von Camp Nou. Dort erhalten die liebevoll aufgezogenen „Eigengewächse“ als Gütesiegel den „Barça-Stempel“.

Ausschließlich für das Spiel mit dem runden Ball wird in La Masia trainiert, nach dem Motto „immer mit der Kugel.“ Anders als in vielen High-Tech-Trainingscentern geht es hier um Spiel-Intelligenz statt Körperkraft, um „Hirn statt Muskeln“, um Ideenreichtum, Beweglichkeit und Überblick. Als Beispiel gilt die Chaos-Übung, bei der jeder Spieler seinen eigenen Ball erhält, ohne Dauerlauf und Zirkeltraining verbessern die Jungen so „spielerisch“ Schnelligkeit, Kraft und Ausdauer.

„Von La Masia zu kommen, heißt: Barça zu sein.“

Barça geht mit kreativen, wendigen, geschickten Ballkünstlern in die Offensive und läuft - anders als andere Clubs – sogar in der Champions League mit bis zu acht „hausgemachten“ Spitzenspielern ein. Die Fußball-Philosophie, die der FC Barcelona lehrt: „Von La Masia zu kommen, heißt: Barça zu sein.“ (José Ramón Alexanco).

La Masia bietet mehr als eine nahezu perfekte Fußballausbildung, das alte Bauernhaus soll aus jungen Talenten zukünftige Idole machen, wird aber für die Jugendlichen auch zur neuen Heimat. Mehr als 60 Spieler teilen hier Fußballfeld, Alltag und Speisesaal. Wer von klein auf im Barcelona-Trikot gespielt hat, der identifiziert sich dauerhaft mit den Werten des Vereins, auch Nicht-Spanier, wie der Argentinier Lionel Messi, werden in La Masia zu stolzen Katalanen, zu echten Barça-Kids. So betrachtet ein Spieler, der den La Masia-Weg gegangen ist, Barça als sein Zuhause, als seine Familie, eben als „Més que un club.“

FC „La Masia“ Barcelona: 11 Eigengewächse im aktuellen Kader

Durch die Rückkehr von Cesc Fabregas zum FC Barcelona und die Beförderung von Thiago Alcantara und Andreu Fontas von Barça B stehen nicht weniger als elf Eigengewächse aus der eigenen Jugendabteilung im Kader der Saison 2011/2012.

Die große Anzahl der „La Masia“ Absolventen in Barças Kader zeigt einmal mehr die hervorragende Jugendarbeit der Katalanen. Barcelona könnte eine komplette Startaufstellung mit ehemaligen Jugendspielern aufstellen, und das Team wäre in dieser Zusammenstellung auch ohne „externe“ Spieler ein Titelkandidat für Primera División und Champions League.

So könnte die „La Masia“ Startelf aussehen:
Valdés - Puyol, Piqué,  Busquets, Fontas - Fabregas, Xavi, Iniesta - Thiago, Messi, Pedro

412 Millionen Euro Markwert

Addiert man die Spielerwerte der „La Masia“ Startelf auf Grundlage der Marktwerte von transfermarkt.de dann kommen unglaubliche  412 Millionen Euro Marktwert dabei heraus. Der  Marktwert des gesamten Kaders beträgt 604 Millionen Euro.


Tumulte im "Clásico"
Mourinho vergiftet den spanischen Fußball

19.08.2011, 10:21

Von Javier Cáceres

Trainer José Mourinho wird nach dem Supercup gegen Barcelona zum Augenstecher und steckt mit seiner militanten Siegermentalität den edlen Klub Real Madrid an. Die Milliarden-Truppe mutiert zur marodierenden Bande und selbst Bundestrainer Joachim Löw muss sich Sorgen machen.

Es war in Barcelona noch um kurz vor ein Uhr morgens 33 Grad heiß, auch sonst waren wenig geeignete Umstände gegeben, um hitzige Gemüter zu beruhigen. Nur ein Mann schien in sich selbst zu ruhen, genau wissend, was er tun wollte und was er tat, als alle um ihn herum nach einem erst Mittwochabend um elf Uhr angepfiffenen Spiel verrückt zu spielen schienen: José Mourinho.

 

Marcelo, Linksverteidiger bei Real Madrid, war Barcelonas Cesc Fàbregas im Stile eines Schlächters in die Knöchel gefahren und hatte dafür die rote Karte gesehen. Es folgte ein Handgemenge, das bei jeder kleineren Studentendemo den Einsatz eines Sondereinsatzkommandos mit Tränengas und Wasserwerfern zur Folge gehabt hätte: Spieler, Trainer, Assistenten, alle rauften sie wie in einem Saloon. Dann also trat Mourinho auf den Plan, der Trainer von Real Madrid. Er ging gemessenen Schrittes auf Barcelonas Trainerassistenten Tito Vilanova zu und fuhr seinen Arm aus.

Die einen sagen seither, Mourinho habe Vilanova bloß die Kontaktlinse unters Lid schieben wollen. Die anderen, Mourinho sei vom Film "Kill Bill" inspiriert gewesen und habe versucht, Vilanovas Augapfel herauszureißen. Mourinho trug später nichts zur Wahrheitsfindung bei: "Vilanova? Kenne ich nicht."

Es war ein Eklat, der so manche unumstößliche Wahrheit fast noch verdeckt hätte, die der 3:2-Sieg Barcelonas im Rückspiel um den spanischen Supercup bereithielt (Hinspiel 2:2). Erstens: Lionel Messi, der das 1:0 durch Andrés Iniesta vorbereitete und die anderen beiden Treffer nicht minder genial selbst erzielte, ist selbst dann noch der beste Spieler der Welt, wenn er mit einem Bein im Urlaub steht. "Der ist hier in Flipflops angekommen und macht zwei Tore", sagte Barças Verteidiger Piqué.

Zweitens: Selbst eine gute, zeitweise hervorragende Milliardentruppe von Real Madrid muss von nun an mit dem Frust leben, nicht mal die Trainingslager-Version des FC Barcelona bezwingen zu können. Und drittens: Real wird zusehends seiner einst weltweit als edel und gut etikettierten Wesensart beraubt. Von Mourinho.

Seit José Mourinho bei Real die Geschäfte führt, erleidet Spaniens Rekordmeister von Woche zu Woche aufs Neue einen Imageschaden. Und wird immer mehr zu einer marodierenden Bande. Mourinhos Tätlichkeit ist nur die Klimax eines zunehmend militanten Verständnisses seiner Arbeit, die gravierende Folgen für die Psyche seiner Spieler zu haben scheint und das Umfeld ansteckt.

José Mourinho: Der Verschwörer Die Opfer des José

Ein (Mourinho-naher) Kommentator der (Real-nahen) Zeitung Marca fand, der Stich mit dem Finger sei insgesamt korrekt, habe aber auf die falsche Körperöffnung gezielt. Gewiss: Real Madrid bestach in der ersten Halbzeit durch aggressive Spielführung, grandioses Pressing, der permanenten Suche nach dem umstandslosesten Weg zum Abschluss. Dass Real viele Chancen vergab, hat übrigens genau mit dieser Dringlichkeit zu tun, im Zweifelsfall auch überstürzt aufs Tor zu schießen.

Aber: Manche Szenen lassen sich nur so deuten, dass Mourinho nicht nur taktische Finesse lehrt, sondern auch die physische Vernichtung des Gegners predigt. Marcelos hinterhältiger Angriff auf Cesc (Real-Kapitän Casillas: "Der hat sich fallen lassen") war nicht dessen erste schwerwiegende Aggression der Partie; er hätte für einen Tritt gegen Messi schon vorher vom Platz gehört.

Dass Reals Verteidiger Pepe 180 Minuten Supercup ohne rote Karte überstehen durfte, ist zudem wohl nur dem Druck geschuldet, den Mourinho mit seinen monatelangen und systematischen Attacken gegen die Schiedsrichter erfolgreich geschürt hat.

Allmählich muss sich auch Bundestrainer Joachim Löw Sorgen machen: Man hat das Gefühl, dass noble Seelen wie Sami Khedira und Mesut Özil unter Mourinhos Handlungsanweisungen von sich selbst entfremdet werden, ohne es zu merken. Özil flog beim Handgemenge vom Platz, weil er, völlig außer sich, versucht hatte, sich mit der halben Barcelona-Bank zu prügeln; unter anderem mit Barça-Stürmer David Villa, der ihn provoziert hatte und ebenfalls Rot sah.

Der vorher ausgewechselte Khedira konnte Özil nur mit Mühe bändigen. Mourinho selbst focht das alles nicht an - er versteckt sich unterm Macho-Mantel. "Ich bin in einer Kultur groß geworden, in der Fußball eine Männersache ist und bei der man nicht nach dem ersten Hauch umfällt", sagte er.

Die Sorgen, die aus dem Lager Barcelonas kamen, sind durchaus ernsthaft gemeint. "Mourinho macht den spanischen Fußball kaputt", befand Gerard Piqué. Barcelonas Trainer Josep Guardiola erklärte: "Wir müssen aufpassen, denn sonst wird irgendwann etwas passieren, was wir alle bereuen werden."

Auch das Gesicht des Weltmeistertrainers Vicente del Bosque ist allmählich zerfurcht. Das Klima im Nationalteam, vergangenen Sommer noch als mustergültig besungen, hat so sehr unter dem Special-One-Gift gelitten, dass einstige Freundschaften zerbrochen sind. Spieler erkennen einander nicht wieder. "Ich weiß nicht, ob es eine Lösung gibt", sagte der besonnene Iniesta.

Hinter vorgehaltener Hand wird von kleineren und größeren Demütigungen berichtet. "Wie? Ihr geht schon?", blaffte ein Real-Profi einen Nationalmannschaftskollegen aus Barcelona an, als Real Madrid im Mai in Valencia den Pokal geholt hatte - und sich Barcelonas Mannschaft wieder auf dem Weg in die Kabine machte, nachdem sie den Siegern Spalier gestanden hatten. In der Nacht zum Donnerstag gratulierte nicht ein einziger Spieler von Real Madrid seinem Gegner.

Die famose Zeile aus Reals Klubhymne, in der es heißt, dass der madridista "... in der Niederlage die Hand reicht...", sie ist längst ad absurdum geführt. Als die Partie vorüber war, ging Vereinschef Florentino Pérez in die Real-Kabine und gratulierte seinen Mannen zu ihrer grandiosen Darbietung.

Javier Cáceres, geboren 1970 in Santiago de Chile, ist Spanien-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung.

 

Von Falko Blöding (gol.com)

Real Madrid: Ex-Manager Jorge Valdano kritisiert Jose MourinhoJorge Valdano hält das Verhalten Jose Mourinhos beim Spiel gegen Barcelona für bedenklich. „Mou“ müsse sich im Klaren sein, dass er seinen Verein repräsentiere, so Valdano.

Madrid. Nach den Vorkommnissen beim Rückspiel um die spanische Supercopa zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid (3:2) ist in Spanien eine Debatte um Real-Coach Jose Mourinho im Gange. Der Portugiese war an den tumultartigen Szenen kurz vor dem Abpfiff im „Camp Nou“ nicht ganz unschuldig und hatte unter anderem Barcas Assistenztrainer Tito Vilanova mit seinem Finger im Auge getroffen.

„Mourinho repräsentiert Real“

Jorge Valdano, ehemaliger Manager der „Blancos“, hat das Verhalten Mourinhos kritisiert. Er sagte gegenüber ADN Deportes: „Sagen wir es so: Was passiert ist, wirft nicht unbedingt ein gutes Licht auf Real Madrid und Jose Mourinho. Ich bin überzeugt davon, dass niemand auf das stolz ist, was wir dort gesehen haben. Mourinho ist bei einem Verein mit einer 109-jährigen Geschichte und er repräsentiert einen Klub mit einer sehr soliden Kultur. Im Moment sind die Spannungen zwischen Real und Barcelona so stark, dass sich jeder von seinen Emotionen überwältigen lässt.“

Lob für Alexis Sanchez

Valdano äußerte sich außerdem zu Barcelonas Neuzugängen Alexis Sanchez und Cesc Fabregas. Gerade beim Chilenen ist der ehemalige Weltklasse-Stürmer davon überzeugt, dass „perfekt“ in das Spiel des spanischen Meisters passe: „Er ist ungemein schnell und erobert die Bälle mit einer Leichtigkeit, wie es für einen Spieler seines Typs ungewöhnlich ist. Er hat das in seinem ersten Spiel bewiesen und dies, obwohl er praktisch noch nicht mit seinen neuen Mannschaftskameraden trainiert hatte. Er kann die Gegner aus dem Gleichgewicht bringen und das ist für Barca sehr wichtig. Die Verpflichtung von Fabregas ist für Sanchez genauso wichtig, wie für Lionel Messi.“

 

 

08. März 2012 (Spiegel)

Messis Tor-Gala - Gott zerstört Leverkusen

Aus Barcelona berichtet Rafael Buschmann

Es war eine Demütigung, exekutiert vom besten Fußballer der Welt: Gegen einen

überirdischen Lionel Messi war Bayer in der Champions League völlig überfordert. Für

Leverkusen kann es nach der 7:1-Lehrstunde von Barcelona nur noch darum gehen,

kein dauerhaftes Trauma davonzutragen.

Lionel Messi trippelte direkt nach dem Abpfiff wie in den 90 Minuten zuvor an allen Gegenspielern

vorbei, bückte sich kurz und sammelte den Ball auf. Das Spielgerät dieses Abends war selbst für

den Superstar des Weltfußballs noch ein besonderes Souvenir. Niemand, nicht einmal der

Schiedsrichter, mochte diesem Wunsch widersprechen. Zu groß war die Anerkennung vor Messis

Leistung beim 7:1 (2:0)-Spektakel seines FC Barcelona gegen Bayer Leverkusen. Erstmals in der

Historie der Champions League schaffte es ein Spieler, in einer Partie fünf Tore zu erzielen.

"Messi ist auf einer Stufe mit Cruyff, Maradona und Pelé. Er gehört zu den besten Fußballern aller

Zeiten", sagte Bayers Manager Rudi Völler. Leverkusens Trainer Robin Dutt sprach von einem

"Außerirdischen", Barças Trainer Pep Guardiola nannte Messi "ein Geschenk".

Dass der 169-Zentimeter kleine Wirbelwind als der beste Fußballer auf dem Globus gilt, war auch

schon vor seinem Galaabend gegen die Rheinländer hinlänglich bekannt. Auf Vereinsebene hat er

schließlich bereits alle möglichen Titel mit den Katalanen errungen, er ist aktuell zum dritten Mal

zum Weltfußballer gewählt worden. Doch dieser Fünferpack gegen Bayer lässt die Fußballwelt

noch einmal staunend, kopfschüttelnd und sich verbeugend zurück. "Er ist ein Fußballgott", sagt

Carles Puyol, Messis Mitspieler, der am Mittwoch verletzungsbedingt passen musste.

Maradona empfiehlt das "Studienfach Messi"

Der Fußballgott Messi hat tatsächlich kaum fassbare Fähigkeiten. Sein Dribbling, sein präziser

Torschuss, sein Antritt und sein Instinkt sind unvergleichbar. Diego Maradona hat einmal

empfohlen, ein "Studienfach Messi" einzurichten, um dem Phänomen auf die Schliche zu kommen.

Doch bei allem Lobgesang für den erst 24-Jährigen, muss auch erwähnt werden, dass der

Argentinier mit Bayer noch nicht einmal einen unterklassigen Sparringspartner vorgesetzt

bekommen hat. Die Werkself, die in den vergangenen Wochen einen klaren Aufwärtstrend

erkennen ließ, wirkte gegen Barcelona wie eine Ansammlung von Freizeitkickern, die sich der

weltbesten Mannschaft entgegenzustellen versuchte. "So wie heute darf man einfach nicht

verlieren", sagte Völler.

Bayers taktisches Konzept war darauf ausgerichtet, Barcelona früh zu pressen und zu versuchen,

die 1:3-Hinspielniederlage irgendwie zu reparieren. "Aber wenn man ehrlich ist: Gegen eine

solche Mannschaft darf man erst gar nicht versuchen mitzuspielen. Man muss sich wohl eher

hinten reinstellen und mauern", sagte Bayer-Kapitän Simon Rolfes. Jedes Aufrücken des

Tabellenfünften der Bundesliga wurde direkt von den Spaniern bestraft, der 0:2-Halbzeitrückstand

war noch mehr als schmeichelhaft. "Wir haben uns eigentlich vorgenommen, es im zweiten

Durchgang allen zu zeigen. Aber das ist gründlich nach hinten losgegangen", sagte Daniel

Schwaab.

Der Abwehrmann musste nämlich auch in den zweiten 45 Minuten zuschauen, wie Messi sich in

den Fußballolymp spielte. Nach seinen zwei Treffern aus dem ersten Durchgang, setzte der

Argentinier nach der Pause drei weitere drauf. "Der ist kaum zu verteidigen. Man muss höllisch

aufpassen, dass man nicht zu ungestüm ist, denn dann dreht er sich so komisch in einen hinein

und lässt einen völlig ins Leere laufen", sagte Schwaab.

Bayers Spieler trauten sich nicht einmal, Messi zu foulen

Vielleicht ist das der Grund, warum die Bayer-Akteure Messi nicht ein einziges Mal während des

Spiels gefoult haben. Vielleicht ist dieses körperlose Spielen aber auch nur das Sinnbild für den

völlig desolaten, mut- und kampflosen Auftritt Bayers. Anders lässt sich auch kaum erklären,

warum Leverkusen sich im Nou Camp-Stadion lediglich 23, 2 Prozent Ballbesitz erspielte und nur

280 Pässe zustande brachte. Barcelona hatte insgesamt satte 960 Pässe bei 76, 8 Prozent

Ballbesitz (Quelle: Opta Sports). "Das war heute eine Laufeinheit", fasste es Stefan Reinartz

sarkastisch aber prägnant zusammen.

"Natürlich hat man Angst, dass die Leistung ein bisschen in den Köpfen hängen bleibt", sagte

Bayers Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser beim mitternächtlichen Bankett. Doch dies wäre für

die Ziele Bayers fatal, denn auf Leverkusen warten in den Märzwochen mit dem VfL Wolfsburg,

Borussia Mönchengladbach und dem FC Schalke 04 ganz schwere Bundesliga-Brocken. Es wird

spannend sein zu beobachten, wie Trainer Dutt diese Demontage aus den Bayer-Köpfen heraus

bekommen will.

Messi hingegen mag das völlig egal sein. Er befindet sich einmal mehr auf dem Höhepunkt seines

Schaffens. Mit seinen zwölf Treffern aus sieben Spielen hat er seinen eigenen Saison-Torerekord

in der Königsklasse bereits nach dem Achtelfinale eingestellt. Und auch die Torjägerkanone in

diesem Wettbewerb sollte er nun zum vierten Mal in Folge gewinnen können. Trotzdem bleibt er

bescheiden: "Wichtig ist, wie wir es als Team gemacht haben und dass wir die Runde überstanden

haben. Wir wollen die Champions League gewinnen."

Der Fußballgott hat noch lange nicht genug

http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,820019,00.html

 

Guardiolas Abschied 27.04.2012

Mehr als ein Trainer

Von Lukas Rilke

 
Foto: AP

Es ist das Ende einer Ära: Trainer-Genie Josep Guardiola verlässt den FC Barcelona. Innerhalb von vier Jahren hatte er die beste Vereinsmannschaft der Welt geformt, führte die Katalanen zu 13 Titeln. Doch seine Entscheidung ist konsequent, denn mit seinem Rücktritt bleibt sich der Coach treu.

Més que un club, mehr als ein Club, lautet das offizielle Motto des Futbol Club Barcelona. In der Vergangenheit bezog sich dieses Selbstverständnis bei den Katalanen vor allem auf die Bedeutung des Vereins für die Region und die Verpflichtung zu sozialem Engagement.

Schon immer war Barça auch sportlich einer der ganz großen Clubs in Europa, doch zu der Übermannschaft, die 13 Titel in den vergangenen vier Jahren gewinnen konnte, machte es erst ein Mann: Josep Guardiola i Sala.

Der 41-Jährige hatte zur Spielzeit 2008/2009 das Traineramt angetreten, zum Ende dieser Saison ist Schluss. "Das ist keine einfache Entscheidung für mich", sagte Guardiola bei einer Pressekonferenz vor den Augen mehrerer Spieler, "es ist für mich an der Zeit, zu gehen." Er könne nicht mehr die Energie aufbringen, die nötig sei. Das Amt übernimmt der ein Jahr ältere Tito Vilanova, der wie Guardiola der clubeigenen Talentschmiede La Masia entstammt und bislang als Co-Trainer arbeitete.


Dass Guardiola sein Amt, den vielleicht begehrtesten Trainerjob in der Fußballwelt, nicht ewig ausführen würde, stand für ihn von Beginn an fest. "Drei Jahre", hatte Guardiola bereits im Winter 2009 dem SPIEGEL gesagt, sei der Job durchzuhalten - länger nicht.

 

Guardiola brachte dem Club Erfolg - und eine Philosophie

Stets verlängerte Guardiola nur um ein Jahr. "Barça-Trainer kann man nicht auf Lebenszeit sein", sagte er 2010. Man dürfe nur für kurze Zeitspannen unterschreiben, in denen man etwas erreichen müsse, "gemeinsam mit den Spielern, mit den Fans."

Das gelang ihm gleich in seiner ersten Saison in nie dagewesener Art und Weise. Guardiola gewann Meisterschaft, Champions League, den spanischen Pokal und Supercup sowie den Uefa-Supercup und die Club-Weltmeisterschaft. Dabei war es eine große Überraschung, dass er im Sommer 2008 den Trainerposten von Frank Rijkaard übernahm, und kein Star-Trainer. Guardiola hatte als Mittelfeldspieler bei Barcelona Erfolge gefeiert, galt im Team seines Lehrmeisters Johan Cruyff als Denker und Lenker. Vor seiner Beförderung trainierte er die zweite Mannschaft des FC Barcelona.

Der Niederländer Rijkaard hatte den Club 2005 nach sechs Jahren wieder zur Meisterschaft geführt, 2006 gelang der Champions-League-Triumph gegen den FC Arsenal. Es folgten zwei erfolglose Jahre. Die Club-Bosse waren weniger auf der Suche nach einem Trainer denn nach einem Fußball-Philosophen.

Zwar bildeten schon damals Andrés Iniesta, Xavi, Carles Puyol und Lionel Messi das Gerüst des Teams. Doch erst das Eigengewächs Guardiola ließ einen Fußball spielen, der die Welt staunen ließ. Kaum enden wollende Kurzpass-Stafetten, das sogenannte Tikitaka, bescherten Barça unter Guardiolas Regie regelmäßig über 70 Prozent Ballbesitz, Arsenals Trainer Arsène Wenger sprach von der "besten Mannschaft der Welt".

Insgesamt führte "Pep" den Verein zu zwei Erfolgen in der Champions League (2009, 2011), drei Meistertiteln (2009, 2010, 2011), dem Weltpokal (2009, 2011) und einem Sieg im spanischen Königspokal (2009). In dieser Saison jedoch ist die Meisterschaft außer Reichweite, spätestens seit der Niederlage im Clásico gegen Tabellenführer und Erzrivale Real Madrid.

"Sobald ich das Feuer nicht mehr spüre, verabschiede ich mich"

Das Ausscheiden gegen den FC Chelsea in der Champions League gilt als ausschlaggebend für Guardiolas Entscheidung. "Dieses Spiel wird unsere Zukunft markieren", hatte der Coach vor dem Rückspiel gesagt. Wie schon in London rannte seine Mannschaft beim 2:2 in Barcelona 90 Minuten lang gegen die englische Abwehrmauer an, allein die Kreativität, das gewisse Extra, das den FC Barcelona unter Guardiola so ausgezeichnet hatte, fehlte.

Es zeichnet den Trainer aus, dass er dies erkennt und die Konsequenzen zieht. "Wir müssen in den nächsten Tagen untersuchen, was wir falsch gemacht haben", hatte Guardiola nach dem Spiel gesagt. Nicht ausgeschlossen, dass er die Gründe vor allem bei sich selbst sieht. "Vier Jahre als Trainer bei Barça sind eine Ewigkeit", sagte er am Freitag: "Es waren vier Jahre mit großer Belastung, die an die Substanz gegangen sind."

Zuletzt war in der spanischen Presse erstmals von Rissen zwischen Team und Trainer die Rede, von einer Maulwurfsaffäre, bei der taktische Anweisungen nach außen gelangten, von internem Neid dem Weltfußballer Messi gegenüber. Im Vergleich zu anderen Mannschaften mag all dies harmlos wirken. Doch in der sonst so um heile Welt bemühten Barça-Familie sind selbst solche Lapalien schon außergewöhnlich.

"Sobald ich das Feuer nicht mehr spüre, gehe ich zum Präsidenten, um mich zu verabschieden, aber bis dahin lebe ich den Job kompromisslos", hatte Guardiola kurz nach seinem Amtsantritt gesagt. Nun ist der Zeitpunkt gekommen.

http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,830162,00.html

 

Der Bund

«Genau so spielte ich schon als Kind»

Von Ramón Besa, Luis Martín: Copyright El Pais .

Barças Star Lionel Messi über seinen Widerstand gegen alle Korrekturen an seinem Spiel, sein baldiges Vaterwerden und sein Verhältnis zu Titeln und Toren.

Die meisten sehen ihn als besten Fussballer der Welt. Doch viel wichtiger sei ihm, sagt Lionel Messi, dass er als guter Mensch wahrgenommen werde.
Bild: Keystone

Im Sportzentrum von Barça, 9 Uhr früh. Lionel Messi kommt pünktlich. Die Sonne ist lau, und da Messi dazu neigt, sich schnell zu erkälten, bringen ihm Leute vom Staff einen Pullover, den er aber zurückweist: «Ich fühle mich wohl.» Mit 25 Jahren wird der Argentinier aus Rosario zum ersten Mal Vater. In einigen Wochen soll es so weit sein, der Junge wird Thiago heissen. Man sieht Messi das Glück an. Die vereinbarte Stunde ist schnell vorbei, doch er macht keine Anstalten, das Interview beenden zu wollen.

Lionel Messi, man sagt von Ihnen, Sie würden gerne schlafen. Doch hier waren Sie schon um 8.30 Uhr. Bereiten Sie sich darauf vor, bald weniger schlafen zu können, wenn Thiago erst einmal da ist?
Ich habe immer sehr gerne geschlafen. Und ich liebe die Siesta. Aber auf die Geburt von Thiago bin ich vorbereitet. Ich schlafe schon mal ein bisschen weniger – wegen der Vorfreude.

Die Siesta haben Sie natürlich hier, in Barcelona, gelernt ...
... alles habe ich hier gelernt! Als ich nach Barcelona kam, da war ich ja erst 13 Jahre alt. Ich bin hier aufgewachsen, hab hier die Schule gemacht. Ich habe immer schon gesagt, dass ich sehr dankbar bin dafür, weil ich das wirklich so empfinde.

Haben Sie nicht das Gefühl, dass Sie Barcelona mit Zinsen das zurückgegeben haben, was man Ihnen gegeben hat?
Nein, ach, ich weiss nicht ... Mir war es immer wichtig, mein ganzes Engagement für den Club zu zeigen. Vielleicht war das zu Beginn besser sichtbar. Heute scheint es einfach normal. Das ist mein Zuhause, mein Verein. Ich verdanke Barça alles. Und nochmals, ich habe es immer schon gesagt: Ich bin einfach sehr glücklich hier.

Der Jugendtrainer von damals und drei Spieler aus Ihrer Jugendzeit bilden heute die Pfeiler der ersten Mannschaft: Tito Vilanova, Sie, Cesc Fàbregas und Gerard Piqué. Was zeigt das?
Das illustriert nur, wie der FC Barcelona arbeitet. Man spürte schon damals, dass jenes Team wohl eine der besten Generationen des Nachwuchsfussballs war. Es gibt auch noch andere aus jenem Jahrgang, die es ebenfalls geschafft haben. Man wusste schon, dass die meisten von uns ihren Lebensunterhalt einmal mit Fussball in einem grossen Verein bestreiten würden.

Sie sagen, es interessiere Sie nicht, wie viele Tore Sie schiessen, sondern wie viele Titel Sie gewinnen.
Ja, ich ziehe Titel mit dem Verein meinen individuellen Auszeichnungen vor. Es ist mir nicht wichtig, mehr Tore zu schiessen als alle anderen. Mich kümmert viel mehr, dass man mich als guten Menschen sieht denn als besten Fussballer der Welt. Denn ja, am Ende, wenn das alles mal fertig sein wird, was bleibt dir? Mein Ziel ist es, dass man mich als guten Typ in Erinnerung hält, wenn ich zurücktrete.

Dann interessiert es Sie auch nicht, einen vierten Ballon d’Or zu gewinnen?
Diese Ehrungen sind okay, und klar, ich schätze sie. Aber mal ehrlich, diese Dinge interessieren Sie Journalisten mehr als mich. Sie müssen sich offenbar immer fragen, wer nun der Beste von allen sei. Xavi oder Iniesta? Wer weiss das schon? Mein Glück war es, in den Schoss dieses Barça zu fallen, mit diesen grossartigen Spielern. Der Verein hat mit alles gegeben: die Auszeichnungen, die Titel, die Tore, einfach alles. Der Verein macht mich erst stark, da gibt es doch keine Zweifel dran. Ohne die Hilfe meiner Kollegen wäre ich nichts, würde ich nichts gewinnen. Weder Titel noch Ehrungen, nichts.

Was ärgert Sie?
Im Leben? Im Leben macht mir die Armut zu schaffen. Ich komme aus einem Land, in dem man der Armut überall begegnet. Da gibt es viele kleine Kinder, denen nichts anderes übrig bleibt, als in den Strassen zu betteln oder irgendetwas zu arbeiten – ganz kleine Kinder schon.

Sie leben doch als Fussballer in einer Blase. Bekommen Sie diese Dinge aus der normalen Welt überhaupt mit?
Was soll denn das heissen? Nein, wir sind nicht entrückt! Natürlich leben wir ein überprivilegiertes Leben. Mir hat nie etwas gefehlt, ausser vielleicht damals, als ich alleine mit meinem Vater nach Barcelona kam: Da fehlten mir meine Geschwister und meine Mutter sehr. Doch ich kriege die Realität der Welt sehr wohl mit.

Sie werden bald Vater. Hat sich Ihr Fokus schon verändert?
Ja, plötzlich siehst du alles ganz anders. Du denkst nicht mehr nur an dich. Du denkst an das Kind, dass ihm auch nichts fehlt, nie, gar nichts. Oh ja, das verändert alles.

Wie steht es ums Windelwechseln?
Da hab ich schon mit meinen Neffen üben können, kein Problem.

Sie unterhalten eine Stiftung, die bedürftigen Kindern hilft.
Wir konzentrieren uns darauf, die Kinder von der Strasse zu holen, sie einzuschulen, sie in den Sport zu integrieren. Wir arbeiten mit Unicef, mit Spitälern, Schulen ... Es ist schön, helfen zu können.

Selten leuchten Ihre Augen so sehr, wie wenn Kinder sich Ihnen nähern und Sie grüssen.
Es gibt nichts Gesünderes als Kinder, vor allem wenn sie noch klein sind, frei von jeder List. Sie sehen mich und sind geniert, wie versteinert. Sie bringen keinen Ton heraus, verstehen nicht, dass ich neben ihnen stehe und mit ihnen rede, weil sie es gewohnt sind, mich nur im Fernsehen zu sehen. Ein Kind glücklich zu machen – es gibt nichts, was mich mehr erfüllt.

Es kommen aber auch grössere Kinder auf Sie zu. Ihre Berühmtheit setzt Sie einer ständigen Beobachtung aus. Belastet Sie das nicht?
Nein, weil ich nie geschauspielert habe. Ich bin so, wie ich bin, auf und neben dem Fussballplatz. Man muss mich so nehmen, wie ich bin. Auch die Anfangsscham legst du mit der Zeit ab.

Sie sagten einmal, es sei schwieriger, so zu spielen wie Xavi und Iniesta, als so wie Sie. Ist Ihr Spiel denn einfach?
Was die beiden machen, könnte ich nicht. Das sind ganz andere Rollen. Ich sehe mich als Werkzeug für den Sieg. Dafür gehe ich auf den Platz: allein für den Sieg. Wie viele Tore ich dabei schiesse, ist mir egal.

Lässt sich Ihre Spielweise erarbeiten und antrainieren?
Das weiss ich nicht, ich glaube nicht. Genau so habe ich schon als Kind gespielt.

Das sagt auch Ihr Trainer, Tito Vilanova.
Was sagt er genau?

Er sagt, zu seiner grossen Verwunderung würden Sie noch genau so spielen wie als Kind – mit dem einzigen Unterschied, dass Sie jetzt nicht mehr gegen 14-jährige Bengel spielen, sondern gegen die besten Fussballer der Welt.
Es stimmt schon, meine Spielweise hat sich nicht stark verändert, obschon ich natürlich einiges dazugelernt habe über den Sport. Mir hat es viel gebracht, nach Barcelona zu kommen, in die Cantera (die Nachwuchsakademie, Red.). Ich war erst gestern wieder dort und habe zugeschaut, wie die siebenjährigen Jungs trainieren. Diese Art, wie sie gecoacht werden, wie man ihnen das Verständnis für das Spiel und für den Ball beibringt, ist einzigartig in der Welt. Schon als Kinder spielen die so wie wir!

Von Ihnen heisst es, Sie seien im Nachwuchs der Einzige gewesen, an dessen Spielweise nichts korrigiert worden sei, dass man die Eigenheiten Ihres Spiels immer respektiert habe.
Ab und zu korrigierten sie mich, aber ich kann mich nicht mehr an die Korrekturen erinnern. Ja, sie haben meine Spielart hingenommen. Obschon hier ja die Philosophie gilt: «Stoppen und direkt passen», gab ich den Ball früher niemandem. Man sagte mir dauernd: «Spiel den Ball früher ab.» Bis sie merkten, dass mir das einfach nicht gelingen wollte, dann liessen sie mich in Ruhe. Natürlich habe ich dann immer mehr zu passen begonnen. Doch zu Beginn, als ich hier ankam, da gab ich den Ball wirklich nie ab!

Noch etwas überrascht: Warum ist es so schwierig, Sie von den Beinen zu holen? Sie fallen fast nie hin.
Ja, und auch das war schon als Kind so: Ich habe immer schon versucht, die Spielaktionen zu vollenden, auf den Beinen zu bleiben. Ich will einfach nicht hinfallen, ich suche das Foul nicht.

Als der Mannschaft mitgeteilt wurde, dass Vilanova Nachfolger von Pep Guardiola würde, sollen Sie nichts gesagt haben: Nur gelächelt haben Sie. Und dieses Lächeln habe den ganzen Verein beruhigt.
Gut möglich, dass ich gelächelt habe. Ich kenne Tito, seit ich ein Kind bin. Er war es, der mich in der Jugend zum Stammspieler machte, bis dahin sass ich ja meist auf der Bank. Er ist eine umgängliche, offene Person. Er sagt einem die Dinge direkt und gerade ins Gesicht. Ich mag das sehr.

Ein bisschen Ärger gab es ab und zu aber schon damals, wie man hört.
(er lacht) Daran erinnere ich mich nicht mehr.

Ist es wahr, dass Piqué Sie immer beschützte, als man Ihnen auf die Knochen stieg?
Ja, er war damals schon der Grösste von uns allen, der Rest der Mannschaft war viel kleiner gewachsen: «Papa» verteidigte uns immer.

Reden Sie viel auf dem Platz?
Nein, ich rede nicht viel.

Das sehen Ihre Gegner und die Schiedsrichter aber anders!
Ah, ja, mit denen rede ich mehr. Bei den Kollegen aber reicht ein Blick, um sich zu verstehen. Wir spielen schon so lange zusammen.

Nun ja, kürzlich gab es auf dem Rasen Ärger zwischen Ihnen und David Villa (Messi herrschte den Sturmkollegen ungewohnt hitzig an, weil der mit einem Zuspiel einen Tick zu lange gewartet hatte, Red.). Wo ist da die Idylle geblieben?
Suchen Sie bitte keine Probleme, wo keine sind. Suchen Sie anderswo. Dieses Team funktioniert weit über das Sportliche hinaus. Einfach wunderbar, vor allem menschlich. Nach so vielen Jahren ist das gar nicht so selbstverständlich. Von draussen macht man sich keine Vorstellung davon, wie gut wir uns verstehen.

Ist das die grosse Stärke Barças?
Nein, das Beste an dieser Mannschaft ist es, dass wir seit fünf Jahren mit derselben Ambition und derselben Lust jeden Sieg suchen – überall. Guardiolas Verdienst?
Ja, er impfte uns diese Attitüde ein, diese Selbstsicherheit, dass wir immer die Initiative übernehmen und gewinnen können. Er war ein grossartiger Analysator von Spielen.

Was halten Sie von José Mourinho, dem Trainer von Real Madrid?
Ich kenne ihn nicht, habe nie mit ihm gesprochen. Und wenn ich jemanden persönlich nicht kenne, rede ich nicht über ihn.

Mourinho sagt, Barças Fussball sei langweilig, und die spanische Nationalmannschaft spiele nur defensiv.
Ach ja, sagt er das? Spanien spielt ja wie wir bei Barça. Denen kannst du den Ball nicht wegnehmen. Für einen Spieler ist das grossartig, sofern du auf der Seite jener stehst, die den Ball verwalten. Ich habe mit Argentinien gegen Spanien gespielt und bin dem Ball fast immer hinterhergerannt, ohne ihn je zu erwischen. Ich kann mich nicht erinnern, je so viel ohne Ball gerannt zu sein wie bei unseren Spielen gegen Spanien.

Und wie ist es denn, gegen Madrid zu spielen? Gibt es etwas, was sie an Mourinhos Real bewundern?
Ihr Konterspiel ist tödlich. Die haben wahnsinnig schnelle Stürmer. Die Überbrückung zwischen Verteidigung und Sturm dauert keine fünf Sekunden, dann fällt schon das Tor. Real muss nicht gut spielen, um drei Tore zu schiessen. Die machen Tore aus dem Nichts. Wie läuft es in der argentinischen Nationalmannschaft?
Alejandro Sabella hat genaue Vorstellungen und kann die auch vermitteln. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg.

Ihr Traum ist es, in zwei Jahren Weltmeister zu werden – ausgerechnet in Brasilien.
Natürlich, das wäre fantastisch. Für Argentinien wäre das das Grösste überhaupt.

Kann es sein, dass Sie einmal mit dem Fussball aufhören, ohne je das Trikot der Newell’s Old Boys aus Ihrer Heimatstadt Rosario getragen zu haben?
Oh, keine Ahnung! Ich hab immer gesagt, dass ich gerne einmal in Argentinien spielen würde. Als Kind war die Primera mein ganz grosser Traum. Bis ich hierherkam. Der Traum ist also noch pendent. Mal sehen, es ist ja noch viel Zeit.

Übersetzung aus dem Spanischen: Oliver Meiler. © «El País» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2012, 13:07 Uhr



Vierter "Ballon d'Or" für Messi
Montag, 7. Januar 2013

Lionel Messi sorgt für weitere Rekorde. An der FIFA-Gala im Zürcher Kongresshaus wird der Argentinier zum vierten Mal in Folge mit dem "Ballon d'Or" ausgezeichnet.

Im Jahr 2012 sorgte Messi für manche Rekordmarke. Für Barcelona und das argentinische Nationalteam erzielte der Superstar sagenhafte 91 Tore, die 40 Jahre währende Bestmarke von Gerd Müller (85) übertraf der "Floh aus Rosario" mit einer beeindruckenden Leichtigkeit. Was fehlte, waren die grossen Titel mit seinem Arbeitgeber Barcelona. Dafür bestimmten die Captains und Nationaltrainer der 209 FIFA-Mitgliederstaaten - unter ihnen auch Gökhan Inler und Ottmar Hitzfeld - Messi zum besten Spieler des letzten Jahres.

Die rund 1000 geladenen Gäste spendeten Messi beim Überreichen des goldenen Balls sekundenlangen Applaus, dem Geehrten waren die Sympathiebekundungen nicht recht. Der Goleador wirkte wie immer, scheu und nicht sehr redselig. Er erachtet die Geburt seines Sohns als "das Beste, was mir je passiert ist". Die vierte Auszeichnung als bester Spieler des Jahres hievt Messi - ob er es will oder nicht - in eine eigene Liga.

Leer gingen die zwei weiteren Nominierte aus der Primera Division aus. Cristiano Ronaldo, mit Real Madrid spanischer Meister und zweitbester Torschütze hinter Messi geworden, wurde zum dritten Mal bei vier Nominierungen nicht als Weltbester gewählt. Messis Teamkollege Andres Iniesta blieb mit grossem Abstand Rang 3 und die Genugtuung, bereits als "Europas Fussballer der Saison 2011/12" geehrt worden zu sein.

Bei den Frauen wurde Amerikanerin Abby Wambach ausgezeichnet. Die zweifache Olympiasiegerin gewann die Wahl vor der fünffachen Siegerin Marta (Br) und ihrer Teamkollegin Alex Morgan.

Männer: 1. Lionel Messi (Arg, FC Barcelona) 41,60 Prozent der Stimmen. 2. Cristiano Ronaldo (Por, Real Madrid) 23,68. Andres Iniesta (Sp, FC Barcelona) 10,91.

Frauen: 1. Abby Wambach (USA, MagicJack Boca Raton) 20,67. 2. Marta (Br, Tyresö/Sd) 13,50. 3. Alex Morgan (USA, Seattle Sounders) 10,87.

Trainer des Jahres: 1. Vicente del Bosque (Sp, Nationalteam Spanien) 34,51. 2. José Mourinho (Por, Real Madrid) 20,49. 3. Pep Guardiola (Sp, FC Barcelona, bis Juni 2012) 12,91.

Trainer des Jahres im Frauenfussball: Pia Sundhage (Sd, Nationalteam USA, bis Anfang Dezember 2012).

Weitere Auszeichnungen. Fairplay-Award: Usbekischer Verband. - Puskas-Award (Schönstes Tor): Miroslav Stoch (Slk, Fenerbahçe Istanbul). - Presidential Award: Franz Beckenbauer (De).

FIFPro World XI (Team des Jahres). Tor: Iker Casillas (Sp, Real Madrid). - Verteidigung: Dani Alves (Br, FC Barcelona), Gerard Piqué (Sp, FC Barcelona), Sergio Ramos (Sp, Real Madrid), Marcelo (Br, Real Madrid). - Mittelfeld: Xabi Alonso (Sp, Real Madrid), Xavi Hernandez (Sp, FC Barcelona), Iniesta. - Sturm: Messi, Radamel Falcao (Kol, Atletico Madrid), Ronaldo.


stern.de
dpa 17. Februar 2013
"Leo, der Allmächtige" - 301 Tore von Messi für Barça



Ein Treffer hätte Lionel Messi genügt, um die Marke von 300 Pflichtspieltoren zu erreichen. Dies schien dem Argentinier jedoch zu leicht gewesen zu sein, und so schoss der viermalige Weltfußballer auch noch sein Tor Nummer 301 für den FC Barcelona.

Mit dem Doppelpack sicherte Messi den Katalanen einen 2:1-Sieg beim FC Granada. Zugleich baute er seine eigene Rekordserie aus: Der Torjäger traf nun in 14 Punktspielen in Folge jeweils wenigstens einmal.

"Leo, der Allmächtige", titelte das Sportblatt "El Mundo Deportivo". Mit dem Erfolg in Granada, wo der Titelverteidiger Real Madrid vor zwei Wochen 0:1 verloren hatte, behauptete Barça seine souveräne Position an der Spitze der Primera División.

Wenn eine runde Trefferzahl in Reichweite ist, scheint Messi besonders motiviert zu sein. Das Erreichen der Marke von 100 Toren hatte er ebenfalls mit einem Doppelpack gefeiert, beim Überschreiten der Zahl von 200 Treffern war es gar ein Dreierpack. Dabei hatte der Argentinier es in Granada keineswegs nur darauf angelegt, seine Trefferbilanz zu erhöhen. Im Gegenteil: Messi zog sich ins Mittelfeld zurück und agierte als Spielmacher. Er arbeitete für Alexis Sánchez mehrere hochkarätige Torchancen heraus, die der Chilene aber vergab.

Als Odion Ighalo (26. Minute) die Andalusier in Führung brachte, wurde Messi & Co klar, dass sie in Granada kein leichtes Spiel haben würden. Barça-Trainer Jordi Roura wechselte Jordi Alba und Andrés Iniesta ein, die eigentlich für das Champions-League-Spiel am Mittwoch beim AC Mailand geschont werden sollten. Messi (50.) nutzte einen Abpraller zum Ausgleich und erzielte per Freistoß (73.) das Siegtor. "In Granada gewann Messi im Alleingang", resümierte die Zeitung "El País".

Von seinen 301 Toren erzielte der 25-Jährige 243 mit dem linken und 44 mit dem rechten Fuß, zwölf mit dem Kopf und je eins mit der Brust und der Hand. Fast keine Abwehrreihe der Liga kann den Torjäger stoppen. Messi gelang in dieser Saison gegen alle Mannschaften - mit Ausnahme des FC Sevilla und Celta de Vigo - wenigstens ein Tor.

Cristiano Ronaldo hatte es in der vorigen Saison fertiggebracht, ins Tor von allen 19 gegnerischen Teams der Liga zu treffen. Vor zwei Wochen ging der Torjäger von Real Madrid sogar einen Schritt weiter und beförderte den Ball ins eigene Tor. "Wer weiß, vielleicht wird auch Messi eines Tages seinen Torwart Víctor Valdés überwinden, nur damit der Portugiese mit diesem Kunststück nicht allein dasteht", witzelte die Zeitung "El Periódico de Catalunya".


Barcelonas Anhänger sind selten ausgelassen. Manchmal aber reisst es auch die gesetzten Katalanen aus ihren Sitzen – wie beim 3:0 im Hinspiel gegen die Bayern am 6. Mai 2015

Oliver Meiler, Barcelona (Quelle: Der Bund)

Natürlich ist jetzt wieder alles viel zu gross. Messi ist Messias, Messi ist Gott. Messi ist Künstler, König, Kaiser. Und «Herr Messi». Messi ist «Meeesssiii, Meeessssi, Meeessssi», und man muss sich zum Chor ein Stadion voller Anhänger vorstellen, die zur Huldigung ihre Arme weit von sich strecken und sich verbiegen in der warmen Abendluft von Barcelona. Messi ist der Erlöser mit links und mit rechts, der Problemlöser mit Heber.

Messi ist Fussball kombiniert mit Kino. «La Vanguardia», die grösste Zeitung in der Stadt, schreibt nach dem Sieg Barças über die Bayern: «Das Camp Nou wurde zur Kathedrale der Emotionen, zum Kolosseum der Passionen.» Wegen Messi, dank Messi. Die Überzeichnungen sind ihm hoffentlich ungeheuer. Doch erwehren kann er sich ihrer nicht, nun schon gar nicht mehr. Ach, Messi. Wenn ein stilles, gesetztes Volk wie das katalanische laut wird, sich so euphorisieren lässt, dann darf man schon einmal hinhören. Es steht nicht leicht auf, seine Begeisterung will üppig genährt sein. Jedes Mal neu.

Der Ansager, seit 50 Jahren

Auch vor diesem Spiel, das in der übermütigen Vorfreude zum «Spiel des Jahrhunderts » hochgeschrieben worden war, blieb das Stadion bis fünf Minuten vor Beginn halb leer. So ist das immer. Man kommt in letzter Minute, drängt sich durch die labyrinthischen Gänge des Camp Nou, durch die «Bocas», die vielen Zugangstore zu den Rängen, hinaus in die Arena, füllt sie in letzter Sekunde, diesmal waren es 95 369. Man könnte schon früher da sein, singen, grölen. Aber das tut man hier nicht. Man kommt mit Sandwichs in Aluminiumpapier, die man dann in der Pause isst, und mit «Pipas», Sonnenblumenkernen, die man während des Spiels verzehrt. Immer, mehr Ritual geht gar nicht.

Zur Nüchternheit passt der Tonfall von Manel Vich, seit über 50 Jahren Speaker im Camp Nou. Er ist jetzt 78. Seine Einsilbigkeit ist legendär. Er verkündet nur Startaufstellungen und Auswechslungen. Die Torschützen nennt er nicht, animiert also nicht zur öffentlichen Hosiannierung der Heroen, wie das die Ansager anderswo mit dem Impetus von Marktschreiern tun.

Zur Nüchternheit passt die Hymne Barças: kein Vergleich etwa mit der Arie von Real Madrid, dem dramatischen beschwingten «Hala Madrid». Barças Hymne ist blechern und kantig, eigentliche Marschmusik. Die Fans singen sie mechanisch mit, zack, zack, zack, fertig, setzen sich und bleiben dann in der Regel verhaftet in stiller Aufmerksamkeit. Zuschauer im engeren Wortsinn. Dankbar für gehobene Unterhaltung, aber kaum je ermutigt zu Gefühlsausbrüchen. Oft ist es so, dass einige Hundert Anhänger des gegnerischen Teams, untergebracht auf den billigen Plätzen im obersten Ring des Stadions, mehr Lärm veranstalten als 90 000 Barça-Fans.

Man hat eben schon viele Enttäuschungen erlebt. Die Geschichte des Vereins, und die Fussballwelt neigt da zum Vergessen, war nicht immer reich an Erfolgen und Trophäen. Die Konstanz ist neu. Barças Anhänger quittieren die Konstanz mit der inneren Überzeugung, dass man schnell wieder zurückfallen kann in die alte Mittelmässigkeit. Man wäre überhaupt nicht überrascht, eher im Gegenteil.

Schnell weg, zum Nachspiel

Doch dann kommt meistens Messi und zerstreut die bösen Gedanken. Er bricht das Ritual, die Nüchternheit. Seit vielen Jahren schon. Reisst die Blasierten aus ihren Sitzen, mischt etwas Kunst ins Spiel, etwas Kino in den Fussball. Vom Genre her war es diesmal ein Thriller, alles kam zum Ende. Und die Stimmung im Camp Nou war eine Viertelstunde lang so ausgelassen, wie sie es nur sehr selten ist. Laut und leidenschaftlich.

Wie, nun ja, zuletzt zu Zeiten Pep Guardiolas, der da unselig am Spielfeldrand stand, auf der falschen Seite. Er sollte erfahren, dass es auch ohne ihn ganz gut geht, so unmöglich das vielen auch vorgekommen sein mag, damals, als er wegging. Messi blieb.

Als das Spiel fertig war, und auch das gehört zum Ritual, leerte sich das Stadion in wenigen Minuten. Fertig und weg. Man hüpft nicht mehr freudig herum. Man hofft nur, möglichst schnell wegzukommen, durch die «Bocas», die Gänge, die Treppen hinunter, hinaus. Vielleicht leert sich kein grosses Stadion der Welt so schnell wie das Camp Nou. Selbst nach dem «Jahrhundertspiel». Wenn man das zum ersten Mal erlebt, wirkt es etwas befremdlich. Spätestens nach dem dritten Mal rennt man mit, hinaus, die blecherne Musik der Hymne im Rücken, zack, zack, zack.

Dann beginnt das lange Nachspiel, die Debatten in der Bar, die Überhöhung der Stars, die Fortschreibung an der Glorifizierung von Lionel Messi.


Glückseliger Dreizack

Lionel Messi, Neymar und Luis Suárez: Barças Sturm ist Drang und Spektakel und verängstigt alle – am Mittwoch auch Bayern München

Oliver Meiler, Quelle: Sonntagszeitung 5.5.2015

Barcelona Vieles braucht ja drei, um wirklich rund zu sein. Die heilige Dreifaltigkeit zum Beispiel, oder die unheilige Ménage-à-trois. Die Könige waren drei, die grossen Tenöre auch. In jedem Triumvirat stecken drei Männer, ohne dass die Feministinnen darüber zu erzürnen brauchen. Ganz zu schweigen vom Trio, der Parade-Drei. Im 4-3-3, einer recht offensiven Spielanlage im Fussball, fällt das meiste Licht auf die letzte 3, auf die dreifaltige Abteilung Sturm und Drang, auf die oftmals sündhaft teuren Stars mit dem eingebauten Torjubelmechanismus.

In Spanien macht gerade ein südamerikanisches Männerbündnis mit schnellen Beinen und gelenkigen Füssen Furore, dem sie in den Medien «Tridente» sagen, Dreizack also, wie die altertümliche Stichwaffe der Jäger. Und wahrscheinlich trifft es das ganz gut. Lionel Messi aus Argentinien, Neymar Junior aus Brasilien und Luis Suárez aus Uruguay beleben den Sturm des FC Barcelona so, dass es dem Gegner vorkommen muss, als stünde er ausgeliefert vor einem Dreizack, bedroht von allen Seiten. Es sei hier mal ganz kühn verheissen, dass diese drei Herrschaften der Welt des Fussballs bald den einen und wohl auch gleich noch den anderen schier unschlagbaren Rekord zufügen werden. Und Spektakel, viel Spektakel. Und Freude am Spektakel, viel Freude in Form von zahnreichem Lächeln. Nicht unmöglich, dass da der beste Sturm aller Zeiten aufkommt. Barças «Tridente» hat in dieser Saison bereits 108 Tore erzielt, alle Wettbewerbe gerechnet. Wenn man bedenkt, dass einer der dreien, «Beisser» Suárez, nach langer Sperre erst im Spätherbst dazustiess, ist die Zahl noch verwunderlicher. Nie zuvor in der Geschichte des FC Barcelona gelangen einer Offensive mehr Tore, nicht einmal im Jahr des Triples mit Pep Guardiola, als Messi mit Samuel Eto’o und Thierry Henry stürmte, auch nicht eben unbegabte Kollegen. Noch bleiben drei Spieltage in der Liga, mindestens zwei Begegnungen in der Champions League, gegen den FC Bayern, und ein Final im nationalen Pokal, der Copa del Rey, gegen Athletic Bilbao. Vielleicht reichen die Gelegenheiten sogar aus, den Allzeitrekord eines Sturmtrios von Real Madrid zu schlagen, was dem Triumph natürlich eine zusätzliche Süsse beimischen würde: Cristiano Ronaldo, Gonzalo Higuain und Karim Benzema brachten es vor einigen Jahren einmal auf sagenhafte 118 Tore.

Die Effizienz des «Tridente» aus Barcelona ist derart erstaunlich, dass die Statistiker mit allen möglichen Daten die spielerische Harmonie zu erklären versuchen. Auf kolorierten Karten werden die Wirkungsräume der drei Männer definiert. Sie variieren, überschneiden sich, fliessen spielerisch ineinander. Es ist, als habe Barça den idealen Sturm gefunden.

Die wortlosen Launen der Primadonna Vor gar nicht so langer Zeit war das noch alles andere als absehbar gewesen. Wegen Messi, wegen des Mittelzacks. Seit Barça gross ist, seit 2008, dreht der Verein um diesen kleinen, stillen, introvertierten Mann aus Rosario mit diesem unerhört wachen, hellen Geist für das Spiel, für den Ball, für Räume. So scheu er selber auch immer wirkte: Er mochte sich nie hinter starken Egos zu verstecken, er duldete sie nicht. Über die Jahre schieden nach und nach Eto’o, Zlatan Ibrahimovic und David Villa aus dem Verein, die als Zudiener des Argentiniers auflaufen sollten, aber mehr sein wollten als nur Sidekicks. Leo mochte bald nicht mehr mit ihnen spielen. Und Leos Launen entscheiden über das Wohlbefinden des Vereins, der Stadt, ganz Kataloniens. Da fackelt man nicht lange.

Als im Sommer 2013 für wohl etwa 90 Millionen Euro und mit kuriosen Methoden Neymar verpflichtet wurde, drohte wieder Ungemach. «Ney» war ein Popstar mit dem Lächeln eines Welteroberers. Er liess sich mit einem halben Dutzend Freunden im Privatjet von Brasilien nach Barcelona bringen, führte Frisuren vor, als wären es Trophäen, trug lustige Mode. Als dann ruchbar wurde, dass der Neue schon bei Ankunft fast so viel verdiente wie Messi, war der mal eine Weile eingeschnappt. Die Verstimmung war schier greifbar, von den Rängen. Der Brasilianer gab sich zwar alle Mühe, die fussballerische Klasse des Argentiniers zu rühmen, was ihn durchaus etwas gekostet haben dürfte, damit der Floh keinen Juckreiz kriegt. Doch das Zusammenspiel der beiden funktionierte im ersten Jahr nur leidlich. Kein Titel schaute heraus. Das Duo war ein Flop.

Dann holte Barça für 81 Millionen Euro Luis Suárez vom FC Liverpool dazu. Das Duo sollte sich zum Trio wandeln. Der Transfer war wie gehobenes Gambling, wie riskantes Spekulieren an der Börse. Und wieder schüttelte man allenthalben den Kopf. Wie nur sollte dieser ungehobelte Bursche, der im stilfreien englischen Fussball gross wurde, ins Team der Feintechniker passen? Doch dann passierte, was man in Barcelona nun gemeinhin für eine Fügung hält.

Während seiner Sperre liess sich Suárez von Psychologen helfen. Sie rieten ihm, Verantwortung abzugeben, lockerer zu werden. Früher, so steht es in seiner Autobiografie, litt er darunter, dass immer alle Erwartung auf ihm lastete, auf seiner Leistung und seinen Toren. Alle drei Beissattacken gegen gegnerische Spieler passierten in solchen Stresssituationen. Nun kam er in ein gelassenes Team voller sieggewohnter Stars, in dem er «uno más» war, einer mehr. Und er freundete sich schon am ersten Tag mit Messi an, und zwar nachhaltig – bei Mate, dem koffeinhaltigen Aufgussgetränk, das sie in der Heimat trinken. Es gibt Bilder der beiden, wie sie glückselig an den silbernen Röhrchen ziehen, den «Bombillas», mit denen man die dunkelgrüne Infusion aus der Kalebasse schlürft. Früher rauchte man Friedenspfeifen.

Dann kam die Prüfung auf dem Rasen. Suárez’ erste Auftritte waren konfus. Er wirkte schwer, irrlichterte auf der rechten Aussenbahn, die man ihm zugewiesen hatte, und bemühte sich schier besessen um seine sportliche Rehabilitierung. Runde für Runde vergab er erstklassige Torchancen, verzweifelte schier. Doch statt Häme spendete ihm Barças sonst so ungeduldige Anhängerschaft viel Geduld und, ja, Mitgefühl. Als wäre der arme Mann auf Bewährung. Dann wechselte Suárez auf jene Position, die immer schon besser zu ihm gepasst hatte: ins Zentrum des Sturms, in die Rolle einer echten Neun. Und Messi, der Zehner im Gewand des falschen Neuners, wich auf den rechten Flügel aus, dahin, wo er einst unter Frank Rijkaard debütiert hatte. Ohne merklichen Unmut, gereift. Man muss gar annehmen, dass die Rochade seine Idee war. Mit Luis Enrique, dem Trainer, spricht der Sturm nämlich nur das Nötigste, wenn überhaupt. Neymar kam unverändert über links, als Rechtsfuss, führte seine süffisanten Nummern vor, seine Beinschüsse und Übersteiger. Auch er schien Suárez wie eine Befreiung zu erleben. Die gelebte Aufopferung, der inkarnierte Altruismus Der Uruguayer bewährt sich seither als Maulwurf in der Spitze. Er gräbt sich regelrecht ein in die Abwehrreihen, mit gesenktem Kopf. Er beschäftigt immer mehrere Verteidiger gleichzeitig und schafft so Räume, wo früher keine waren. Suárez ist ein Kanalarbeiter, die gelebte Aufopferung, der inkarnierte Altruismus.

Messi wiederum lässt sich nun öfter mal ganz nach rechts und ein ganzes Stück nach hinten abdrängen oder zurückfallen, worauf die Gegner leicht die Balance verlieren. Dann gibt Messi «den Xavi», schlägt lange, gut getimte Querpässe mit offensivem Bananeneffekt ins Wirkungsfeld von Neymar, der da mit hohem Tempo auf der verlassenen Gegenbahn zugange ist und in die Mitte drängt. Wenn mal weniger Raum zur Verfügung steht, dann kombinieren sich die Herren mit schnellem Kurzpassspiel durch die Verteidigung, wechseln die Positionen, verwirren die Gegner, helfen einander. Und schiessen Tor um Tor um Tor.

Es gibt genügend Tore für das Glück aller, am meisten aber immer noch für die Primadonna, für Messi, 51 schon in dieser Saison. Der Neid an «Ney» ist weg. Und das liegt nicht nur daran, dass Barça Messis Gehalt erhöht hat, wie es das jedes Jahr tut. Aber wahrscheinlich auch daran. Es ist, als verteilten die drei im Verein die Lasten aufeinander, was sie in ihren respektiven Nationalmannschaften ja nicht tun können. Da müssen Messi, Neymar und Suárez die alleinigen Leader geben, die Landesheiligen. Bei Barça sieht man sie in jüngerer Vergangenheit oft lachen. Im Jubel suchen sie sich, zeigen aufeinander, küssen den letzten Passgeber am Ausgiebigsten, entschuldigen sich beieinander, wenn sie mal egoistisch waren, teilen die Erfolgsgefühle.

Sie sind nun dreifaltig eins. Plötzlich harmonisch. Dank des Beissers, ausgerechnet.

 

Tiki-Taka ist Geschichte – es lebe Rucki-Zucki

Angeführt von Lionel Messi, demonstrierte der FC Barcelona beim 3:1 im Champions-League-Final gegen Juventus seinen neuen Spielstil.

Cristof Kneer, Berlin / Quelle: Der Bund 8.6.2015

Xavi Hernández wollte höflich sein, aber das war jetzt schwer. Wohin sollte er mit Michel Platinis Hand? Der Präsident der Uefa ist ein stolzer und auch eitler Mann, er hat die Siegerehrungen ja extra so uminszenieren lassen, dass die Sportler nicht mehr unten auf dem Rasen ihr Podest hingestellt bekommen, wo der Zuschauer sie am besten sieht. Die Fussballer müssen jetzt Treppen hochklettern, wenn sie ihren Pokal sehen wollen, sie müssen hoch zu ihm, zu Michel Platini. Herr Präsident geben sich die Ehre, seinen Untergebenen eine kleine Anerkennung zu verteilen, so sieht das aus.

Und jetzt stand Xavi Hernández also vor dem hohen Herrn und hatte keine Hand frei. In den Händen trug er Grösseres: den Ball dieses Spiels, das Barcelona gegen Juventus 3:1 gewonnen hatte. Und dieses Spiels, das tatsächlich und unwiderruflich sein letztes für Barça war.

Xavi Hernández (35) ist der Fussballer, der für alles eine Lösung hat. Er hat 17 Jahre lang Räume gefunden, die selbst davon überrascht waren, dass sie existierten. Manchmal hat er Räume auch komplett erfunden, er hat sie selbst definiert. Mit einer kleinen Drehung seines Körpers oder einer winzigen Bewegung seines Fusses konnte er die Welt verändern. Und für einen sanften Revolutionär wie Xavi war natürlich auch das Platini-Problem schnell gelöst: Er steckte sich den Ball unters Trikot und hatte danach beide Hände frei um sie schütteln zu lassen von jenem Präsidenten, der auch mal ein grosser Fussballer war. Eines hat Monsieur aber nicht geschafft: wie Xavi für den Stil einer Ära zu stehen.

Barça kreiselt jetzt geradeaus

Jetzt geht Xavi und wird in Katar auslaufen, bei einem Verein, in dessen Mittelfeld vielleicht auch der Katar-affine Platini (59) noch ein paar Minütchen mithalten könnte. Xavi hat in unnachahmlicher Manier selbst das passende Abschlussbild für seine Karriere im Spitzenfussball gefunden, die er nicht nur mit seinem vierten Champions-League-Titel, sondern auch mit einem Rekord beendete: 151 Champions-League-Spiele – mehr machte keiner.

Xavi mit dem Ball unterm Trikot: Das sah aus wie schwanger. Und seine Nachfolger hat er ja tatsächlich inzwischen hervorgebracht. Dieses hochwertige Endspiel wurde von einem Team geprägt, das seinen grossen Inspirator nur noch symbolisch braucht. Trainer Luis Enrique kann es sich längst erlauben, Xavi nur noch einzuwechseln wie am Samstag in der 77. Minute.

Der FC Barcelona hat den Xavi-Fussball auf eine Art überwunden, die Xavi nicht schmerzen wird. Xavi war der Hohepriester des Tiki-Taka, jenes Klein-Klein-Fussballs, der darauf abzielt, den Gegner mit irrsinnigen Passkombinationen in den Wahnsinn zu treiben. Xavi war der Tausendfüssler in diesem Spiel, der Psychoterrorist, der dem schnaufenden Gegner stets das Gefühl gab, er würde gleich den Ball erobern – bevor er mit einem tac! die Richtung änderte.

Zuletzt waren Xavi und sein Tiki-Taka müde geworden. In Berlin zeigte Barcelona der Welt den neuen Stil, der für die Konkurrenz keine gute Nachricht enthält. Nein, der FC Barcelona ist nicht müde, er hat sich nicht zu Tode gekreiselt. Wer die Tore sah, begriff: Die Katalanen haben den Xavi-Style nicht aufgegeben, er bleibt die Grundlage jeder Entscheidung. Aber sie haben den Stil vitalisiert, ihm eine neue Richtung gegeben.

Die Mannschaft kreiselt jetzt geradeaus. Sie hat beim Passspiel zuerst das Tor im Kopf, nicht mehr das Passen. Aus dem Tiki-Taka-Fussball ist also ein Rucki-zucki-Fussball geworden, der auch Mittel enthält, die Barça vor ein paar Jahren für unter seiner Würde hielt oder vielleicht auch gar nicht nötig hatte: Das 2:1 und 3:1 waren reinrassige Konter. Beim 2:1 raste Lionel Messi unter Missachtung sämtlicher in Berlin geltender Tempolimits durch die Turiner Hälfte, sein Schuss endete noch an den Fäusten von Gianluigi Buffon, aber Luis Suárez war auch deshalb der Erste beim Nachschuss, weil Juves Verteidiger damit ausgelastet waren, über das Tempo des Konters zu staunen. Beim 3:1 sauste Neymar in die Lücken.

Wenn Messi die Gegner frisst

Das unverschämt kunstvolle 1:0 war am ehesten dem klassischen Tiki-Taka verwandt, nach Messis Flügelwechsel tricksten und passten sich Alba, Neymar und Iniesta durch, dass die abgebrühten Juve-Verteidiger hilflos vor einer neuen Sportart standen und der frühere Basler Ivan Rakitic gar nicht anders konnte, als die Vorlage ins Tor zu schiessen.

Wahrscheinlich ist das Dialektik: Die Welt hatte zuletzt auf Barças früheres Spiel reagiert und eine Antithese entwickelt, und jetzt hat Barça auf die Reaktion der Gegner seinerseits wieder reagiert. Seine neue These ist eine Mixtur aus Ballbesitz und gelegentlichen Konterattacken, bei denen dann der Ballbesitz wunderbar wurscht ist. Vor allem Messi hat eine Piranha-Mentalität entwickelt, die den Gegner frisst: Er hat ein unfassbares Gefühl für jenes Spiel, das er beherrscht wie keiner sonst. Er erspürt magisch jene Momente, in denen der Gegner zerstreut oder unsortiert ist: Im Halbfinal-Hinspiel gegen den FC Bayern setzte er die entscheidende Aktion, als die Bayern wegen einer vermeintlichen Schwalbe diskutierten, auch das 2:1 im Finale folgte auf eine Debatte, die Juve-Profi Paul Pogba angezettelt hatte.

Zwischendrin schlendert Messi auch einmal durch die Gegend und schaut sich die Stadionarchitektur an. Aber wenn er die Chance riecht, bricht er seinen Spaziergang halt mal kurz ab. Dann muss er kurz das Spiel entscheiden.

Ob Messi Barças neuen Stil beschlossen oder ob doch Trainer Enrique ihn entworfen hat: Darüber ist Barcelona uneinig. Xavi ist das wurscht. Er kann in Ruhe gehen.

Juventus - FC Barcelona 1:3 (0:1) Olympiastadion, Berlin. – 70 500 Zuschauer. – SR: Cakir (Tür). – Tore: 4. Rakitic 0:1. 55. Morata 1:1. 68. Suárez 1:2. 97. Neymar 1:3. – Juventus: Buffon; Lichtsteiner, Barzagli, Bonucci, Evra (89. Coman); Marchisio, Pirlo, Pogba; Vidal (79. Pereyra); Morata (85. Llorente), Tevez. – FC Barcelona: Ter Stegen; Alves, Piqué, Mascherano, Alba; Rakitic (91. Mathieu), Busquets, Iniesta (78. Xavi Hernandez); Messi, Suárez (95. Pedro Rodriguez), Neymar. – Bem. Verwarnungen: 11. Vidal. 41. Pogba. 70. Suárez (alle Foul).

 

 



 

Wie Johan Cruyff den Stil des FC Barcelona geprägt hat – und den Weltfussball


(Quelle: NZZ, Hans Ulrich Gumbrecht, Robert Walstra


Johan Cruyff hat als Spieler und Trainer den Fussball revolutioniert. Der Niederländer steht am Ursprung des heutigen Sympathiesonderstatus' des FC Barcelona. Angefangen hat diese Revolution mit der Verweigerung einer Rückennummer.

Am Mittwochabend spielt der FC Barcelona im Hinspiel des Viertelfinals der Champions League auswärts bei Manchester United. Es ist – gemessen an der Tradition – eines der spektakulärsten Duelle, die der Weltfussball zu bieten hat. Der FC Barcelona geht als klarer Favorit in die Spiele; sollte er ausscheiden, würde das die grösste Enttäuschung des Fussballfrühlings bedeuten. Überall auf der Welt würden Fans trauern.

Der Slogan, der den heutigen Status des FC Barcelona beschreibt, ist auch in seinem Stadion, dem Camp Nou, zu sehen: «Més que un club», mehr als ein Klub.

Der FC Barcelona geniesst einen Sympathiesonderstatus, überall, er ist mehr als ein Klub. «Més que un club», wie seine Repräsentanten gerne betonen, obwohl der Klub nicht die meisten nationalen oder gar kontinentalen Meisterschaften gewonnen hat.

Was macht diesen singulären Status aus? Die politisch korrekte Antwort hebt das Selbstverständnis des FC Barcelona als Team der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung hervor. Aus sportlicher Perspektive kommt eher in den Blick, dass der im internationalen Fussball derzeit dominierende Stil zuerst in Barcelona gespielt wurde – und von Formen des Denkens über den Sport begleitet war, wie sie vorher nicht existiert hatten. Selbst wenn das dort erfundene Tiki-Taka, die Strategie des maximalen Ballbesitzes mit dem überraschenden Steilpass, inzwischen von seiner Effizienz verloren hat, rechnen viele mit einer nächsten Innovationswelle aus Katalonien.

 

Die zentrale Figur

So wirkt es fast wie eine Ironie des Fussballschicksals, dass der europäische Rekordchampion und Barcelona-Erzrivale Real Madrid jüngst ausgerechnet von Ajax Amsterdam ausgebootet wurde, einem Klub, den man ebenfalls mehr mit der Erfindung einer neuen Spielweise assoziiert als mit zählbaren Erfolgen. Wenn immer Ajax ausserhalb der niederländischen Ehrendivision auf sich aufmerksam macht, kommt die Hoffnung auf, dass ein neues Zeitalter riskant-spektakulären Offensivfussballs begonnen haben könnte. Der Sonderstatus von Ajax und Barcelona konvergiert mit ihren ganz verschiedenen Vorgeschichten im Leben von Johan Cruyff, der zentralen Figur in der Entstehung des modernen Fussballs.

 

Johan Cruyff lässt sich wenig vorschreiben. Als Spieler rauchte er teilweise auch in der Halbzeit in der Kabine.

Als der 1947 geborene Weltklassespieler, dessen Name in seiner niederländischen Muttersprache Cruijff geschrieben wird, 1973 für zwei Millionen Dollar von Ajax Amsterdam nach Katalonien wechselte, war er mit dem Klub aus seiner vorher nicht gerade für den Fussball berühmten Heimatstadt dreimal europäischer Meister geworden. Der FC Barcelona war zu jener Zeit ein Skandalklub, der seit vierzehn Jahren keinen Titel gewonnen hatte.

In der ersten Saison mit Cruyff wurde Barcelona spanischer Meister. Nach vier erfolgreichen Spielzeiten und dem Abschluss seiner aktiven Karriere in den Vereinigten Staaten und den Niederlanden kehrte Cruyff 1988 als Trainer zurück und etablierte die Mannschaft zwischen 1991 und 1994 als Dynastie an der Spitze des spanischen Fussballs. Nur wenige Gestalten in der Geschichte des Fussballs haben sowohl als Spieler wie als Trainer ähnlichen Erfolg gehabt. Einer von ihnen war Cruyffs Generationsgenosse Franz Beckenbauer, der 1974 Deutschland als Captain zur Weltmeisterschaft führte und danach das Kunststück vollbrachte, als Trainer 1986 WM-Zweiter und vier Jahre später Weltmeister zu werden – mit zwei eher bescheiden talentierten Nationalteams.

 

Anders als Beckenbauer vermittelte Cruyff jedoch ein Netzwerk von Ideen, das den Fussball im vergangenen halben Jahrhundert entscheidend verändert hat. So wurde auch er zu einer singulären Figur – zu «mehr als einem Spieler und Trainer». Zusammen mit seinem Coach Ri­nus Michels war er schon bei Ajax Amsterdam und in der niederländischen Nationalmannschaft am Beginn eines Inno­vationsimpulses gestanden, als er in den 1970er Jahren den «Voetbal totaal» erfinden half. Zum ersten Mal waren einzelne Spieler nicht mehr an spezifische Positionen auf dem Feld gebunden, sondern sollten je nach Situation alle denkbaren Funktionen erfüllen. Niemand vor oder nach ihm hat den Fussball wirkungsvoller neu und weiter gedacht als Johan Cruyff.

Man übersieht dies leicht, weil es für den Sohn einer Arbeiterfamilie, der früh den Vater verlor, nie die Chance gab, sich auch nur eine typische Mittelstands­bildung anzueignen. Die von grammatischen Fehlern und Dialektwendungen durchsetzte Sprache seiner gesammelten Sprüche wird in den Niederlanden ebenso bewundernd wie ironisch «Cruijf­fians» genannt, «Cruyffisch». Und im Blick auf ihre Inhalte weiss eigentlich niemand so recht, ob Banalität oder ein manchmal aufscheinender Eindruck von genialen Geistesblitzen im Vordergrund steht. Sollte dies eine besondere Form von Intelligenz sein, wie sie der Fussball braucht? Und wie konnte sie so weit ab von Gymnasien und Sporthochschulen entstehen?

Personen, die sich früh im Leben durchsetzen müssen, entwickeln oft eine typische Form von Exzentrik. Auch Cruyff hatte legendäre Konturen entwickelt und ist bis heute in einem wahren Anekdotenschatz lebendig geblieben. Keine Geschichte wirkt emblematischer als die Weigerung des jungen Cruyff, auf seinem Trikot eine der Nummern zwischen 1 und 11 zu tragen, die damals noch für Positionen auf dem Feld standen. Dieser Regelbruch nahm – vorbewusst wohl – das Grundprinzip des totalen Fussballs vorweg.

 

Die 14 aus dem Wäschekorb

Cruyff trug lebenslang die 14, nachdem er einem Mitspieler, der das Trikot vergessen hatte, sein eigenes mit der Nummer 9 gegeben – und selber zufällig die 14 aus dem Wäschekorb gegriffen hatte. Er liess sich auch nicht davon abbringen zu rauchen, im Alltag und gar in der Halbzeitpause. In einer späteren Lebensphase musste er wegen Herzbeschwerden behandelt werden. In einer Zeit spartanischer Sportenthaltsamkeit setzte er durch, dass Spieler mit ihren Freundinnen und Frauen ins Trainingslager einziehen durften. Sein in Barcelona geborener Sohn hiess Jordi, nach dem katalanischen Nationalheiligen, obwohl dieser Name in der damaligen spanischen Militärdiktatur amtlich nicht akzeptiert war. Zeitlebens hielt Cruyff der politischen Linken die Treue und pflegte zugleich eine Freundschaft mit dem Pariser Modeschöpfer Daniel Hechter. Die Affinität zur jüdischen Kultur war so intensiv, dass Cruyff nach seinem Tod an Lungenkrebs im März 2016, dem orthodoxen Brauch folgend, vierundzwanzig Stunden später beerdigt wurde.

 

Johan Cruyff gilt im Fussball als einer der besten Spielmacher aller Zeiten. 1974 wird er mit den Niederlanden Vize-Weltmeister; das denkwürdige Foul durch Uli Hoeness und Berti Vogts nach nur 53 Sekunden. Neeskens verwandelt den Penalty; das 1:0 nach eineinhalb Minuten ist bis heute die früheste Führung in einem WM-Endspiel. Deutschland gewinnt das Spiel in München schliesslich 2:1.

 

Auf Versuche der Fremdbestimmung durch Trainer oder Klubvorsitzende reagierte er meist durch abrupte Vereinswechsel, während er mit seiner Frau und den drei Kindern über fast fünfzig Jahre ein glückliches Privatleben führte. Könnten sich sein radikaler Unabhängigkeitswille und seine Konzentration auf die eigene Welt in Cruyffs Denken verbunden haben? Eine der berühmtesten Aussagen setzt sich vom Konsens der Trainer ab, um dann gegen das Vorurteil von der allein körperlichen Existenz der Sportler ihre Verstandesleistung zu betonen: «Alle Trainer sprechen von der Bewegung und vom beständigen Rennen. Ich sage, rennt nicht so viel. Fussball spielt man mit dem Gehirn. Man muss im richtigen Moment an der richtigen Stelle sein.»

Als Feststellung wird dieser letzte Satz niemanden überraschen, doch für Cruyff wurde er zu einer Denkaufgabe im Blick auf die Optimierung von Bewegungen: «Es gibt nur einen Moment, in dem man rechtzeitig da sein kann. Wenn du nicht da bist, kommst du entweder zu früh oder zu spät.» Immer wieder neu müssen genau diese Momente von den Spielern und den Trainern angepeilt werden.

«Das Schwierigste an einem leichten Spiel ist, wie man einen schwachen Gegner dazu bringt, schlechten Fussball zu spielen.»

Ähnlich effizient setzte er das erst einmal banal wirkende Paradox um, nach dem «jeder Nachteil seine Vorteile hat». Einen Gegenspieler nicht zu decken, wirkt sich im Prinzip nachteilig aus. Der Nachteil kann aber zum Vorteil werden, wenn er strategisch angewandt wird, um den Gegner in eine ungewohnte und deshalb verwirrende Situation zu bringen. «Nur wenige Spieler wissen, was sie tun sollen, wenn sie nicht gedeckt werden. Daher sollte man manchmal einem eigenen Spieler sagen: ‹Dieser Angreifer ist gut, decke ihn also nicht.›» Umgekehrt muss man den typischen Nachteil im Vorteil der guten Spieler entdecken und berücksichtigen: «Ein guter Spieler hat fast immer ein Effizienzproblem, weil er die Dinge schöner ausführen will, als es nötig ist.» An diesen wenigen Sätzen zeigt sich bereits eine Grundstruktur von Cruyffs Denken. Er benutzte Alltagsweisheiten als Fragen und setzte sie dann von ihrer typisch hohen Abstraktionsebene auf ein Niveau von Konkretheit um, wo sie das Denken in permanenter Bewegung hielten.

Weil wir solche Alltagsweisheiten gerne in Paradoxien oder Tautologien formulieren, stiftete Cruyff mit der Kombination dieser beiden Formen oft eine Verwirrung, hinter der sich komplexe Denkaufgaben entfalten konnten: «Das Schwierigste an einem leichten Spiel (Paradox) ist, wie man einen schwachen Gegner dazu bringt, schlechten Fussball zu spielen (Tautologie).» Aus entgegengesetzter Perspektive und schon als dynamischer Gedanke: Wie verhindert man, dass die eigenen Spieler den Gegner aufbauen, indem sie ihn nicht ernst nehmen?

 

Am 1. Juli 2018 wurde das Fussballstadion in Amsterdam zur Johan Cruyff Arena.

Cruyffs Stärke lag natürlich nicht in den statischen Alltagsweisheiten, die er abrief, sondern in der permanenten Dynamik und manchmal auch in den komischen Effekten, die er ihnen durch Konkretisierung abgewann. So praktizierte er ein Denken, dessen Agilität denkbar weit von der Stringenz akademischer Argumente entfernt blieb und wahrscheinlich gerade deshalb den Fussball in neue Bewegung versetzt hat.

 

Als Cruyff Guardiola vorschlug

Dieselbe Agilität wurde in einem ganz anderen Kontext noch einmal entscheidend für den Erfolg von Cruyffs Fussballstil. Aus formeller Macht bei irgendwelchen Klubs hatte er sich nie viel gemacht. Aber als ihn 2008 Joan Laporta, der damalige Präsident des FC Barcelona, in einer Krisensituation fragte, wer die Trainerrolle übernehmen sollte, nannte Cruyff seinen ehemaligen Spieler Josep Guardiola, der als Coach einer Jugendmannschaft im Klubsystem gerade auf dem Weg in die Vergessenheit schien. Mit Guardiola, der imstande war, Cruyffs Intuitionen als begriffliches System zu artikulieren, gewann die katalanische Mannschaft vierzehn nationale und internationale Titel in vier Jahren – und wurde zum Vorbild für alle Nationalmannschaften, die an den Weltmeisterschaften 2010, 2014 und 2018 erfolgreich waren.

Dass sein Erfolg Cruyff nicht nur Unabhängigkeit, sondern auch ein aggressiv-spielerisches Selbstbewusstsein gab, zeigt sich in der Reaktion auf einen Journalisten, der seine Sätze nicht klar genug fand: «Wenn mir daran läge, dass Sie mich verstehen, hätte ich besser erklärt.» Auf der Suche nach Stil im Fussball und im Denken wollte er nie zum Ende gelangen. Man kann also davon ausgehen, dass Johan Cruyff als Trainer der Gegenwart das Ballbesitzprinzip im Tiki-Taka längst variiert hätte.

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